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verschiedene: Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage, Band 17

U.

 Überspinnmaschine zum Umwickeln von Draht, Darmsaiten, Metallstäben etc. mit Fäden aus Seide, Wolle etc. oder mit Draht. Die gewöhnliche Ü. besteht aus einer kurzen, hohlen Spindel, welche horizontal gelagert ist, mittels einer Schnur oder eines Riemens in schnelle Drehung versetzt wird und an einem freien Ende einen Fadenführer oder eine runde Scheibe trägt, auf deren vorderer Fläche Spulen angebracht werden, auf welche die zum Umwickeln bestimmten Fäden aufgespult sind. Indem nun der zu bewickelnde Gegenstand, z. B. Draht, durch die hohle Spindel hindurchgezogen wird, umkreisen die Spulen denselben und umwickeln ihn mit den Fäden in Schraubenlinien, deren Abstand sich durch die Geschwindigkeitsverhältnisse zwischen der Spindel und dem durchgezogenen Draht etc. genau bestimmen läßt. Das Durchziehen erfolgt in der Regel mittels der Trommel, die zugleich zum Aufwickeln des übersponnenen Gegenstandes dient. Die Spulen sind entweder Laufspulen oder Schleifspulen, welch letztere radial auf der Spulenscheibe sitzen. Die Spannung der Spulfäden erfolgt durch Bremsen. Sollen nur kurze Gegenstände, z. B. Saiten oder Metallcylinder, umsponnen werden, so zieht man diejenigen Überspinnmaschinen vor, bei denen der zu umwickelnde Gegenstand straff ausgespannt ist und die Spulenscheibe an demselben entlang geführt wird, während sie sich gleichzeitig in der oben erklärten Weise um denselben dreht. Die Überspinnmaschinen finden hauptsächlich Verwendung zum Überspinnen von Kupferdraht für elektrische Leitung, zur Anfertigung von Saiten, von Gold- und Silbergespinsten, von Guirlanden etc.

 Ugalde (spr. ügald’), Delphine, geborne Beaucé, Bühnensängerin, geb. 3. Dez. 1829 zu Paris, wurde von Moreau-Sainti ausgebildet, wirkte erst an der Opéra national, dann (seit 1848) an der Opéra Comique, seit 1858 am Théâtre Lyrique, überall mit großem Erfolg, und übernahm 1866 die Direktion des Theaters der Bouffes Parisiens, wo sie besonders in den Offenbachschen Burlesken glänzte. Sie unternahm auch Kunstreisen in die Provinzen wie ins Ausland, komponierte eine 1867 aufgeführte komische Oper: „Une halte au moulin“, und hat treffliche Sängerinnen herangebildet, darunter Marie Saß und ihre eigne Tochter Marguérite, welche 1880 in der Komischen Oper zu Paris als „Regimentstochter“ mit Glück debütierte.

 Ujä, Laguneninsel in der Ralikkette des deutschen Marshallarchipels, mit vielen auf dem Riffe verstreuten Inseln, die bei der hohen Brandung an den Felsen schwer zugänglich sind, zusammen 3 qkm groß mit 300 Einw.

Ulanen, s. Lanze (Bd. 17).

Ultramarin. Als nähere Bestandteile des Ultramarins kann man ein Natriumaluminiumsilikat und Schwefelnatrium annehmen, doch ist hiermit die blaue Farbe des Ultramarins keineswegs erklärt. Die beiden genannten Verbindungen sind farblos, und es liegt kein Grund zu der Annahme vor, daß die Verbindung derselben untereinander gefärbt sei. Man hat deshalb an einen besondern blauen Farbstoff gedacht und solchen in einer eigentümlichen Modifikation des Schwefels, etwa dem schwarzen Schwefel von Magnus entsprechend, zu finden geglaubt. Behandelt man das ungefärbte geglühte Gemenge von Thon, Soda und Schwefel (welches durch Rösten in U. verwandelt wird) mit einer Lösung von Natronschwefelleber, so färbt es sich blau. Auf dieselbe Weise kann man aber auch statt des Silikats ein entsprechendes Borat und selbst dreibasisches Calciumphosphat blau färben. Es handelt sich also gar nicht um die chemische, vielmehr nur um eine gewisse physikalische Beschaffenheit des blau zu färbenden Körpers. Nach Magnus bildet sich schwarzer Schwefel, wenn gewöhnlicher Schwefel plötzlich weit über seinen Siedepunkt erhitzt wird. Bei der Darstellung von Schwefelleber wird bei Rotglut Schwefel abgegeben, der zum Teil entweicht, zum Teil aber von der geschmolzenen Masse, und zwar in seiner schwarzen Modifikation, zurückgehalten wird. Dieser schwarze Schwefel ist in sehr feiner Verteilung mit blauer Farbe durchscheinend, und die Blaufärbung mit Schwefelleberlösung gleicht vollständig einem Färbeprozeß. Unter Entwickelung der blauen Farbe setzt sich der schwarze Schwefel als dünner Anflug auf der Oberfläche der Körper ab, welche geeignete physikalische Beschaffenheit darbieten. Kalischwefelleber bindet keinen blauen Schwefel, und entsprechend kann man auch mit kohlensaurem Kali statt Soda kein U. erzeugen.

Ungarn, Geschichte. Die unablässigen Angriffe der Opposition, die heftigen und oft unwürdigen Szenen im Abgeordnetenhaus, welche sich auf die Straße fortpflanzten, und die wiederholt bemerkbare Unzuverlässigkeit der ministeriellen Partei ermüdeten den Ministerpräsidenten Tisza und reiften in ihm den Entschluß, sich nach 15jähriger Thätigkeit von der Leitung der Geschäfte zurückzuziehen. Nachdem seine eigne Partei bei der Beratung des Wehrgesetzes Anfang 1889 ihn genötigt hatte, eine wichtige Abänderung bei der Krone durchzusetzen, suchte er nach einem Anlaß zu ehrenvollem Rücktritt. Als im Herbst 1889 aus ganz geringfügiger Ursache die öffentliche Meinung in U. die Umwandlung der Bezeichnung „k. k. Armee“ in „k. und k. Armee“ verlangte, reichte Tisza seine Entlassung ein, falls die Krone diese Forderung nicht bewillige. Nachdem Franz Joseph nachgegeben, fand sich ein andrer Anlaß in der an und für sich kleinlichen Frage, ob Kossuth noch ungarischer Staatsbürger sei oder nicht. Nach ungarischem Gesetz verliert jedermann, der 40 Jahre außerhalb des Landes weilt, ohne die Erneuerung des Staatsbürgerrechts nachzusuchen, dasselbe, und dies traf 1. Jan. 1890 auch Kossuth. Da aber die radikale Opposition mit diesem ehemaligen Diktator einen fast lächerlichen Kultus trieb und ihm im Herbst 1889 in Turin noch eine bombastische Huldigung darbrachte, so gab sie über diese gesetzliche Konsequenz große Entrüstung kund. Tisza suchte sie zu beschwichtigen, indem er 27. Nov. erklärte, er betrachte Kossuth auch fernerhin als ungarischen Staatsbürger, da derselbe das Ehrenbürgerrecht ungarischer Gemeinden angenommen habe. Kossuth aber wies in einem offenen Briefe vom 11. Dez. diese Erklärung und diesen Ausweg zurück. Tisza versprach nun, dem Reichstag ein neues Heimats- (Inkolats-) Gesetz in kürzester Frist vorzulegen und in demselben die streitige Frage zu gunsten Kossuths zu regeln. Dagegen erklärten sich aber die übrigen Minister, namentlich der Justizminister Szilagyi, auf das entschiedenste, worauf Tisza im März 1890 seine Entlassung einreichte und bewilligt erhielt. Den Vorsitz im Ministerium, das seine politische Richtung nicht veränderte, übernahm der bisherige Ackerbauminister Graf Julius Szapary; Tisza versprach, die Regierung als Führer der bisherigen Mehrheit zu unterstützen.

Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage, Band 17. Bibliographisches Institut, Leipzig 1890, Seite 807. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Meyers_b17_s0811.jpg&oldid=- (Version vom 15.3.2024)