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Hier fand ich bei meinem Gastgeber, dem bayrischen Artillerieobersten Z. und seinem Stabe eine nicht zu überbietende Kameradschaft, so daß ich in dem Kreise recht bald heimisch wurde. Lange bis über Mitternacht hinaus saßen wir beisammen in dem Pfarrhause des Ortes, wo der Oberst und sein Stab untergebracht sind. Auch ein Tannenbäumchen wurde angezündet, und die Offiziere zeigten mir die kleinen Geschenke, mit denen sie sich und den Obersten bedacht hatten, und der humorvolle Oberst erklärte mir selbst mit fröhlichem Lachen die kleinen harmlosen Scherzgeschenke, die seine Untergebenen ihm überreicht hatten. Die Stabsordonnanz, die uns das Weihnachtsessen zubereitet hatte, wurde mir als der frühere Requisitenverwalter des St. Galler Stadttheaters vorgestellt und freute sich nicht wenig, etwas aus der Schweiz zu hören. Unter Musik und munteren Gesprächen schwanden die Stunden bald dahin. Der Oberst, ein stämmiger Bayer von starker hoher Gestalt, erzählte mir von den schweren, verlustreichen Kämpfen in den heißen und schönen August-, September- und Oktobertagen, während denen er mit seinem Stabe einmal fünf Wochen lang nicht aus den Kleidern und ins Bett gekommen, wie oft sie in Todesgefahr gestanden, wie gleichgültig man gegen die Gefahr werde. Er ist des Lobes voll über die Aufopferung, Pflichttreue und Tüchtigkeit der Offiziere seines Regiments, der aktiven wie der Reserveoffiziere und nicht minder über den guten Geist, der seine ganze Truppe

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Karl Müller: Kriegsbriefe eines neutralen Offiziers. Velhagen & Klasing, Bielefeld ; Leipzig 1915, Seite 154. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:M%C3%BCllerKriegsbriefe.pdf/158&oldid=- (Version vom 1.8.2018)