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145. Jerusalemsberg.

1493 ist in dem Eichholz vor dem Burgthor zu Lübeck, welches Jerusalem hieß, der Berg Golgata von Herrn Heinrich Constin aufgehöht.

Dieser war ein reicher Kaufherr und allewege sehr angesehen; aber er war heftig im Jähzorn, und so that er einst seiner Frau, die er sonst zärtlich geliebt, ein so großes Herzeleid an, daß sie seitdem nimmer genesen wollen, und endlich gestorben ist.

Von Stund an hat er keine Ruhe gehabt in seiner Heimat; er verläßt also sein Haus und seine Güter einem treuen und erfahrenen Diener, giebt seine einzige Tochter einem frommen Kaufgesellen in Novgorod zum Ehegemahl, und zieht selber in das gelobte Land, um Buße zu thun und seiner Seele Frieden zu gewinnen.

Dort hat er gegen die Ungläubigen sich so tapfer erwiesen, daß man ihn zum Jerusalemsritter gemacht. So hat er alle Wege und Stege wohl ausgemessen und sich vorgenommen, wenn Gott ihn wohlbehalten in die Stadt Lübeck zurückführe, den Schädelberg an der Stätte, die Jerusalem vor Alters gegenannt ist, aufzurichten.

Seitdem ist er ruhig und friedsam geworden, und es ist ihm seiner Frauen Gestalt im Traum erschienen, und hat ihm verheißen, daß Gott wegen seiner innigen Reue ihm gnädig sei.

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Ernst Deecke: Lübische Geschichten und Sagen. Carl Boldemann, Lübeck 1852, Seite 259. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Luebische_Geschichten_und_Sagen.djvu/265&oldid=- (Version vom 1.8.2018)