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ARNOLD SCHÖNBERG UND SEINE ZEITGENOSSEN
(1924)


„Die gurrelieder – die letzten kompositionen! Wie reimen sie sich die zusammen? Wenn Schönberg wirklich die letzten jahre seines schaffens – und daran ist doch nicht zu zweifeln – vertritt, wie stellt er sich dann zu den gurreliedern? Muß er die nicht verleugnen? Unterdessen erfahren wir das gegenteil; wir haben gesehen, daß er sie selbst einstudiert und dirigiert hat. Erklären sie uns diesen widerspruch!“

Verehrtes publikum, du hast unrecht. Kein mensch verleugnet das, was er geschaffen hat. Weder der handwerker noch der künstler. Weder der schuster noch der musiker. Die unterschiede in der form, die das publikum wahrnimmt, sind dem schaffenden menschen verborgen. Die schuhe, die der meister vor zehn jahren gemacht hat, waren gute schuhe. Warum sollte er sich ihrer schämen? Warum sollte er sie verleugnen? „Schauen sie sich den dreck nicht an, das habe ich vor zehn jahren gemacht!“ kann nur ein architekt gesagt haben. Aber architekten zähle ich bekanntlich nicht zu den menschen.

Der handwerker schafft die form unbewußt. Die form wird durch die tradition übernommen, und die veränderungen, die während des lebens des handwerkers sich vollziehen, sind nicht von seinem willen abhängig. Seine auftraggeber, die sich verändern – sie werden älter –, geben ihm die anregungen, und so vollzieht sich ein wechsel, der weder dem konsumenten noch dem produzenten bewußt wird. An seinem lebensabend macht der meister andere schuhe als in seiner jugend. Wie ja auch seine

Empfohlene Zitierweise:
Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 399. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/401&oldid=3345988 (Version vom 1.8.2018)