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ziehen die flagellanten durch die welt und die brennenden scheiterhaufen werden zum volksfest, bald zieht sich die lust in die geheimsten falten der seele zurück. Aber wie dem auch sei: marquis de Sade, der kulminationspunkt der sinnlichkeit seiner zeit, dessen geist die grandiosesten martern ersann, deren unsere phantasie fähig ist, und das liebe, blasse mädchen, dessen herz freier aufatmet, nachdem es den floh geknickt hat, sie sind eines stammes.

Das edle am weibe kennt nur die eine sehnsucht: sich neben dem großen, starken manne zu behaupten. Diese sehnsucht kann gegenwärtig nur in erfüllung gehen, wenn das weib die liebe des mannes erringt. Die liebe macht ihr den mann untertan. Diese liebe ist nicht natürlich. Wäre es so, würde sich das weib dem manne nackt nähern. Das nackte weib aber ist für den mann reizlos. Es kann wohl die liebe des mannes entflammen, nicht aber erhalten.

Man wird euch erzählt haben, daß die schamhaftigkeit dem weibe das feigenblatt aufgenötigt hat. Welcher irrturn! Die schamhaftigkeit, dieses mühsam und mit raffinierter kultur konstruierte gefühl, war dem urmenschen fremd. Das weib bekleidete sich, es wurde für den mann zum rätsel, um ihm die sehnsucht nach der lösung ins herz zu senken.

Die erweckung der liebe ist die einzige waffe, die das weib im kampfe der geschlechter gegenwärtig besitzt. Die liebe aber ist eine tochter der begierde. Die begierde und den wunsch des mannes zu erregen, ist des weibes hoffnung. Der mann kann das weib durch die stellung, die er sich in der menschlichen gesellschaft errungen hat, beherrschen. Ihn beseelt der drang nach vornehmheit, den er auch in seiner kleidung zum ausdrucke bringt.

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Adolf Loos: Adolf Loos – Sämtliche Schriften. Herold, Wien, München 1962, Seite 158. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Loos_S%C3%A4mtliche_Schriften.pdf/157&oldid=- (Version vom 1.8.2018)