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Günther warf sich mit Eifer auf die praktische Frage. „Wer ist gefahren? Die Braunen soll man nehmen.“

„Frau Ziepe wollte das besorgen,“ berichtete Beate.

„Frau Ziepe?“

„Ja, ich ließ sie wecken.“

Beate sprach leise, als wäre sie noch im Krankenzimmer, und sehr geschäftsmäßig, dann wandte sie sich schnell ab und ging. Günther stand mitten im Zimmer und sann. Es war ja doch möglich, daß er in der Nacht spazieren ging, nicht wahr? Aber Beates kaltes, scheues Gesicht? Und Frau Ziepe? War die nicht Mareile begegnet? … Ach, diese verfluchte Welt! Jetzt kam das Krankenzimmer und Beates stillerstaunte Augen und Tante Seneïdes Todesbegeisterung, lauter Dinge, für die er nicht geschaffen war!

Ein Schlaganfall hatte die Baronin getroffen, und sie schwebte in ernster Gefahr. Die Gäste reisten ab. Beate und Seneïde gingen leise im Krankenzimmer ab und zu. In der Bibliothek saß der alte Hausarzt Dr. Joller, suchte in den Zeitungen nach neuen Gemeinheiten der Franzosen und wartete, daß er gerufen würde. „Hören Sie, Graf,“ rief er den unstät durch die Zimmer irrenden Günther an, „die Natur unserer alten Dame – großartig! Die Nieren, die Lunge, das Blut – tadellos! Das ist Rasse! Ein Schlaganfall ist ein Unglück. Schließlich gehört der Tod auch zum Leben, nichts zu machen! Aber solche Nieren, solche Lungen mit ins Grab zu nehmen, da kann man stolz darauf sein. Die Verdauung und das Herz halten bei unseren Damen nicht weit. Der Magen muß alles aufnehmen, was Herr Miespeck kocht, und das Herz, das muß mit jedem Quark mitfühlen.“

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Eduard von Keyserling: Beate und Mareile. S. Fischer, Berlin [1903], Seite 111. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Keyserling_Beate_und_Mareile.djvu/111&oldid=- (Version vom 1.8.2018)