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Als der andere Tag kam, ließ er wieder sein Roß satteln und ritt zur Stadt. Am Fenster saß das Edelfräulein; und wie es den jungen Grafen vorbeireiten sah, rief es ihm höhnisch zu:

„Purr, Rappe, steh!
Purr, Rappe, steh!“

Da antwortete der junge Graf lachend:

„Stich, Lottchen, stich!
Stich, Lottchen, stich!
Und wenn du für tausend Thaler Nadeln verstechen solltest!“

Das Edelfräulein schlug das Fenster zu und fuhr zurück, als wenn’s eine Natter gestochen hätte, und schämte sich so sehr, daß es sich nur noch in der Hinterstube aufhalten mochte; denn jetzt merkte es wohl, wer das dumme, einfältige Enkelkind der alten Bettelfrau gewesen war. Eine Zeit lang fraß die stolze Jungfrau ihren Gram in sich, dann konnte sie das Elend nimmer mehr ertragen und schickte Lottchen auf das Grafenschloß, daß es den Herren bäte, ob er nicht einmal, als Gärtner verkleidet, hinunter in das Schlößchen kommen wolle. Der junge Graf ließ sich nicht lange bitten und kam.

„Du hast gemacht, daß ich mich nicht mehr unter den Leuten sehen lassen darf,“ sprach sie weinend.

„Warum nicht gar?“ antwortete der junge Graf. „Hab’ ich nicht meinen Rappen auf dein Geheiß dreimal unter den Schwanzriemen geküßt? Trotzdem lass’ ich mich überall sehen und hab’ dich noch immer so lieb, wie zuvor.“

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Ulrich Jahn: Schwänke und Schnurren aus Bauern Mund. Mayer & Müller, Berlin 1890, Seite 17. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Jahn_Schwaenke_und_Schnurren_aus_Bauernmund.djvu/17&oldid=- (Version vom 1.8.2018)