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Liste.png Illustrirte Zeitung, Nr. 5 vom 29. Juli 1843

eines menschlichen Gerippes. Hier, sich an seinen Arzneisack lehnend, ruhte der berühmte und gefürchtete Arznei-Mann der Dahcotahs, aus einer 4 Fuß langen Pfeife rauchend, deren Rohr mit einem Haarbüschel geziert war, der noch vor gar nicht langer Zeit das Haupt eines Tschippewäers geschmückt hatte.

Der Pezhutah Wechaschtah war keineswegs eine jener alten verwitterten Figuren, wie man sie sich bei dem Worte Zauberer vorzustellen pflegt. Von fast riesenhaftem Wuchse, zeigten sich seine Glieder doch im vollkommensten Ebenmaße, und seine Bewegungen und sein Ausdruck waren nicht ohne Anmuth, ja zu Zeiten selbst würdig und edel. Seine breite hohe Stirn verkündete Gedankenreichthum, und seine Adlernase Kühnheit der Gesinnung. Alle Indianer erfreuen sich guter Augen, die seinigen aber hätten den Basilisk blenden können. Der untere Theil seines Gesichtes zeigte sich mehr als gewöhnlich ausgebildet und gab dem Ganzen zugleich einen sinnlichen und verwegenen Charakter. Ein Europäer würde sein Alter auf dreißig Jahre geschätzt haben; ein Indianer oder Jemand, der viel Verkehr mit Indianern gehabt, hätte ihm zehn Jahre mehr gegeben.

Das Innere des Zeltes ließ eben nicht auf die Wohnung eines Priesters schließen. Es enthielt seine Flinte, seine Lanze und seinen Schild, sowie mehre Bogen, welche außer ihm nur sehr wenige Arme zu spannen vermochten, und eben so viele Köcher mit Pfeilen, die dem Schwarzfuß wie dem Büffel gewissen Tod brachten; denn der Arznei-Mann war, wenn ihn die Lust dazu anwandelte, ein eben so gewiegter Jäger und Krieger, wie ein furchtbarer Zauberer. Pferdegeschirr, reiche Felle und eine Menge von Küchenwerkzeugen bildeten das übrige Geräth des Zeltes. – Er ging nicht häufig auf die Jagd. Furcht und Verehrung versorgten ihn mit den ausgesuchtesten Bissen. Eben so wenig schwang er seine Waffen oft im Kriege; es machte ihm keine Freude, Nebenbuhler zu haben, die ihn vielleicht ausstechen konnten, und Andere übertreffen wollte er selbst nicht, um keinen Neid zu erregen. Um geringen Erfolg war ihm noch minder zu thun, und er verschmähte daher, einen arglosen Feind aus dem Hinterhalte zu tödten, oder ein hülfloses Weib mit seinem Säuglinge niederzumetzeln. Menschlichkeit machte ihn nicht so edel, sondern Stolz. Selten sprach er im versammelten Rathe, noch seltener in traulicher Unterhaltung. Er entzog sich so viel wie möglich allem Umgange und blieb allein in seinem Zelte, denn seine rohe Klugheit lehrte ihm, daß vertrauliche Berührung leicht Geringschätzung zur Folge hat. Der Name Häuptling, Krieger, Jäger war ihm etwas Gleichgültiges; zog er jedoch in das Feld, so ruhte das Verderben im Laufe seines Feuerrohrs oder auf der Spitze seiner Lanze, und die Andern Alle gehorchten ihm, wie nie wieder einem Führer, weder vor noch nach seiner Zeit.

Bei dieser Schilderung unterbrach der erste Lieutenant, der, wie er sich rühmte, in Leyden Humaniora studirt, aber wie wir behaupteten, nicht sonderlich viel profitirt haben möchte, unsern Freund und Arzt meist mit dem Ausrufe: „Superb, Doctor! Das ist ein echt historischer Styl. Tacitus selbst hätte Euern Helden nicht kürzer und prägnanter darstellen können.“ – Dann antwortete der Heilkundige ihm jedes Mal vornehm: „Wer wirklich viel erlebt hat, hat sich auch gewöhnt, mit Wenigem Viel zu sagen,“ und fuhr darauf, ohne sich irren zu lassen, fort wie folgt.

In dem zarten Alter von zwölf Jahren war der Arzenei-Mann von den Tschippewäern gefangen genommen worden, die ihn an einen Kaufmann in der Hudsons-Bai verkauft hatten, der ihn mit sich nach Montreal nahm und dort an einen katholischen Priester verhandelte. Dieser, der einer Mission angehörte, gab sich große Mühe, den jungen Wilden zu bekehren, und brachte ihn auch dahin, sich taufen zu lassen. Während der fünf Jahre seines Aufenthaltes in Montreal machte der Proselyt auch recht hübsche Fortschritte in anderen Wissenschaften, aber naturam expellas furca, wie schon Horaz sagt …

„Tamen usque“, unterbrach ihn ergänzend der Lieutenant.

Der Doctor hörte nicht darauf, sondern erzählte weiter: Eines Morgens fand man einen Mitschüler des Indianers steif und starr vor der Thürschwelle, wo er wahrscheinlich schon mehre Stunden so gelegen, mit einem Dolchstoß im Herzen und sein vermuthlicher Mörder war verschwunden. Vier Wochen später tauchte dieser Letztere plötzlich zweihundert Meilen davon, bei seinem Stamme wieder auf, alle Gewohnheiten der Civilisation von sich auf immer abstreifend. Nachdem er bald darauf einen Feind getödtet und skalpirt, und eine Sonnenfinsterniß vorhergesagt, erhielt er den Ruf eines eben so tapferen Mannes als bedeutenden Zauberers, und wurde ein Mitglied der großen Arzenei seines Stammes. Er prophezeite nun auch den Tod mehrer Leute, die ihm im Wege standen, und als dieser sich wirklich ereignete, so wurde es allgemein für gewiß angenommen, daß er in genauer Verbindung mit unsichtbaren Mächten stehe. Selbst die Zweifler wurden von ihrem Unglauben bekehrt durch folgendes merkwürdiges Ereigniß. Ein großer Haufe Indianer war bei dem Angriffe eines Forts, das von den Weißen sehr tapfer vertheidigt wurde. Unter den Dahcotahs befand sich auch der Pezhutah Wechaschtah, den eine kleine Kugel aus einer Büchse gerade vor der Stirn traf. Da er in demselben Augenblicke in die Höhe blickte, so glitt die Kugel unter dem Skalp rund herum und kam hinten an seinem Kopfe wieder heraus. –

– Hier unterbrachen wir den Doctor sehr ungläubig, worauf er sich dann jedesmal eine neue Pfeife von seinem Burschen bringen ließ, und uns an dessen Schädel nachwies, daß diesem gerade dasselbe widerfahren, und also die Sache, wie wir zu unserer Beschämung gestehen mußten, nicht so ganz unglaublich sei. Dann, nachdem er die Pfeife in Brand gesteckt und den Soldaten entlassen, nahm er den Faden seiner Geschichte wieder auf mit den Worten:

Das lange Haar des Wilden verbarg den Weg, den die Kugel genommen, und er rühmte sich seit dieser Zeit stets, er sei fest gegen Blei und Stahl, ohne daß ihm Jemand zu widersprechen wagte. Die Indianer hatten gesehen, wie ihn die Kugel getroffen, und doch war er stehen geblieben, als habe sie ihn nicht berührt. Einige glückliche Curen und einige Kunststücke, wie z. B. daß er die Hand in heißes Wasser steckte, ohne sie zu verbrennen, die stärksten Fesseln ohne fremde Hülfe von sich abstreifte und dergleichen mehr, verschafften ihm eine fast despotische Gewalt über seine Stammgenossen. Obendrein begünstigte ihn noch das Glück. So traf es sich unter Anderem, daß ein amerikanischer Kaufmann entsetzlich an einem Geschwür im Halse litt, seit drei Tagen nicht mehr hatte schlucken können und den gewissen Tod vor Augen sah. Da alle anderen Mittel nicht anschlugen, so wurde endlich der indianische Arznei-Mann geholt, obgleich der Kranke nicht das mindeste Vertrauen zu ihm hatte. Dieser kam, verrichtete erst einige magische Ceremonien und begann dann einen Zaubertanz, bei welchem er so seltsame Capriolen machte und so gräulich sein Gesicht verzerrte, daß der Patient, trotz dem daß er in den letzten Zügen lag, laut auflachen mußte. Durch diese Anstrengung barst das Geschwür und der Amerikaner war gerettet, stand auf und ging geheilt fort. Die Rothhäute waren natürlich nicht wenig entzückt von dem Siege, den ihr großer Pezhutah Wechaschtah über die weißen Aerzte davongetragen.

So war der Mann beschaffen, von dem ich erzählte, daß er allein in seinem Zelte saß, während die Uebrigen eine Rathsversammlung hielten. Das tiefe Nachdenken, in das er versunken war, wurde durch drei Schläge an die Außenwand seines Zeltes unterbrochen. Gleich darauf kroch eine junge, ziemlich hübsche Squaw herein und stellte sich dann gerade vor ihm hin mit gefalteten Händen und niedergeschlagenen Augen.

„Vater!“ sagte sie, „die Diebe sind entdeckt und mein Gatte ist zurückgekehrt.“

„Fürchte Nichts,“ entgegnete der Magier; „Du hast dem großen Geiste gehorcht, und brauchst weder Dich zu ängstigen, noch zu schämen. Du stehst unter seinem Schutz. Meinst Du, ich bedurfte der langsamen Kunde Deines Mannes, um ihnen zu sagen, wohin ihre Pferde gebracht wurde? Lange bevor ich Dich weckte, war es mir schon offenbart worden.“

„Warum ließest Du sie denn nicht ein und benachrichtigtest sie davon, Vater?“

„Still, Weib! Frage nicht nach Dingen, die Du nicht begreifen kannst. – Kannst Du wissen, ob es nicht Deinetwegen geschah?“

Die Squaw schwieg verlegen und zog dann nach einer Pause unter ihrem Kleide das Beil hervor, das die Diebe verloren hatten. Darauf sagte sie schüchtern: „Vater, die Diebe ließen dies zurück, und ein großer Theil des Stammes mit dem Häuptling an der Spitze will nach Pembina, um das erlittene Unrecht zu vergelten.“

„Das dürfen sie nicht,“ entgegnete er, „der große Geist verbietet es, denn die Hüte von Pembina haben die Pferde nicht. Wohl weiß ich, wessen das Beil ist. Aber warum weinst Du, thörichtes Weib?“

„Die Hüte von Pembina, wer ist denn das?“ unterbrach der Lieutenant hier boshaft den Erzähler. „Können denn Hüte Pferde stehlen?“

„Die Rothhäute nennen die Weißen Hüte, weil sie diese Kopfbedeckung tragen, an die sich die Wilden nie gewöhnen werden,“ entgegnete der Doctor verdrießlich, denn ihm war wohlbekannt, daß der Lieutenant recht gut wußte, was damit gemeint sei.

„Nun, was antwortete denn die Squaw?“ fragte ich gespannt.

Sie antwortete: „Ich bin deinetwillen in Angst.“

Der Arznei-Mann lachte, statt aller Erwiederung, laut.

„Lache nicht,“ sagte sie, „ich bin nur ein schwaches, unwissendes Weib, aber ich spreche nicht mit einer gespaltenen Zunge. Du weißt, daß mein Mann und seine beiden Brüder Dir stets sich feindlich entgegenstellten und Deine Weisheit verhöhnen. Ja, mein Gatte hat sogar gedroht, sowie Du ihm widersprächest im Rathe, wolle er einmal versuchen, ob Du wirklich unverwundbar seiest. Er hat sich für den Krieg erklärt und sagt, daß, wenn ihm Niemand nach Pembina folgen wolle, so gehe er allein hin und hole dort einen Skalp.“

„Geh!“ sagte der Pezhutah Wechaschtah verächtlich; „der Schnee ist tief und er wird sich kalte Füße holen. Ich will ihm Mokkassins zu seiner Reise geben.“ Er holte nun ein Paar Mokkassins und Socken aus einem Sacke hervor und reichte dieselben dem Weibe hin. „Wenn er sich rüstet, nach Pembina zu gehen, so gieb sie ihm, jedoch nicht früher. Auch gieb sie keinem Andern, so lieb Dir Dein Leben ist, und laß Niemand erfahren, daß Du sie von mir bekamst. Nun, fürchtest Du Dich noch immer und wähnst Du, daß die Geister, die mir unterthänig sind, ihm gestatten werden, mir ein Leid anzuthun?“

„Ich weiß, daß mein Vater weise und furchtbar ist,“ erwiederte die Squaw, „aber dennoch ängstige ich mich um seinetwillen. – Das ist es auch nicht – aber – sie sagen – sie sagen – mein Vater werde sich mit der Tochter des Häuptlings vermählen, obwohl diese mit dem Bruder meines Mannes verlobt ist.“

„Laß Dich das nicht kümmern,“ versetzte er, „ich muß viele Frauen haben, um meine Hände zu kräftigen, aber Du bist allein die, die ich liebe. Trockne Deine Thränen und gieb wohl Acht. Heute wird Dein Mann sein Gewehr auf mich abdrücken, vielleicht sogar zwei Mal. Nimm diese Kugel. Geh nach Deiner Wohnung, zieh die Kugel aus seinem Gewehr heraus und lade es mit dieser. Schießt er dann zum zweiten Male, so gieb ihm diese andere Kugel. Hüte Dich, sie zu verwechseln. Und nun geh! Du hast hier schon zu lange verweilt. Lispelst Du nur, was wir hier mit einander sprachen, so erstarrt Dir die Zunge im Munde. Geh!“

Die Squaw entfernte sich und er, von dem es mit Recht heißen konnte, daß er nie eines Mannes in seinem Zorn, noch eines Weibes in seiner Lust schonte, begab sich nach der Rathsversammlung. Er ging unterwegs an den zu ihm gesandten Boten vorüber, ohne sie anzuhören und trat mitten in den Kreis. Sein Gewand von den starken Schultern werfend, begann er also seine Rede:

„Der große Geist redet durch meinen Mund und die Geister der Luft, der Erde und des Wassers regen sich in mir. Geht nicht nach Pembina! Eine schwarze Wolke hängt über dem Wege, und die Erde thut sich auf am Ende desselben. In der Finsterniß der Nacht stand ein Geist neben mir und zeigte nach Norden. Ich schaute hin und unsere Pferde waren nicht bei unsern englischen Brüdern. Er zeigte nach Mittag und ich sah sie. Siehe, mehr denn zwanzig Lange-Messer trieben unser Vieh vor sich hin. Der Geist verschwand und meine Augen schlossen sich. Der mitternächtliche Fuß ist von Blei; der Adler des Krieges schreit, aber sein Hunger muß nicht gestillt werden. Hunger weilt im Lande – fernhin streift der Büffel – kein Pulver, keine Flinten, keine Decken! – Die bösen Geister knirschen mit den Zähnen – Männer fallen – Kanonen donnern – Weiber und Kinder jammern –“

So redete er eine Viertelstunde lang mit wahnsinnigen Geberden und der Schaum stand ihm vor dem Munde – jedes Wort war eine dunkle Anspielung auf die zu befürchtenden übeln Folgen eines Zuges nach Pembina. Zuletzt fiel er wie ohnmächtig hin.

„Er hat sein Zelt drei Tage lang nicht verlassen und mit Niemand gesprochen,“ bemerkte ein Indianer, „und doch weiß er das Geschehene und wer es gethan hat.“

„Seht!“ rief ein Anderer, „er hat das Beil, das der schwarze Falke mitbrachte. – Eben lag es noch bei dem Feuer der Rathsversammlung und Niemand hat es berührt.“

Der schwarze Falke stand auf und sagte seine Meinung klar und einfach: „So thöricht sie sonst auch sein mögen, so sind die Männer mit Hüten doch in einigen Dingen weiser, als wir. Sie lachen über Geister und das thu’ ich auch. Ich habe nie einen Geist gesehen. Nie that je ein Geist mir Böses, noch Gutes, und ich glaube auch nicht, daß sie es können, denn der große Geist selbst ist zu wohlwollend, um seine Geschöpfe zu quälen, die so schon genug leiden müssen. Unser Vater vermag sich selbst los zu machen, wenn er gebunden

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: Illustrirte Zeitung, Nr. 5 vom 29. Juli 1843. J. J. Weber, Leipzig 1843, Seite 74. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Illustrirte_Zeitung_1843_05.pdf/10&oldid=3435606 (Version vom 3.10.2018)