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Liste.png Illustrirte Zeitung, Nr. 4 vom 22. Juli 1843


Die Xanthischen Marmor.

Das brittische Museum hat eine neue Acquisition gemacht, die Xanthischen Marmor. Erst seit einigen Wochen sind diese Bruchstücke antiker Bildwerke zu öffentlicher Beschauung dort aufgestellt. Der reisende Engländer Charles Fellowes sammelte sie in Klein-Asien und schaffte sie auf Kosten der Regierung nach London. Eine Auswahl derselben bieten wir unsern Lesern in den vorstehenden Abbildungen. Man hat diesen Skulpturen den Namen „Xanthische Marmor“ gegeben, aber der Ausdruck ist nicht ganz passend, denn sie stammen nicht aus der Hauptstadt des alten Lyciens. Die Gegenden in Klein-Asien, wo sie Hr. Fellowes aufgefunden, liegen zwischen dem 42–36 Grade der Breite und dem 26–32 Grade der Länge und umfassen die Provinzen Lydien, Mysien, Bithynien, Pisidien, Pamphylien, Lycien und Carien.

Die interessanteste Geschichtsperiode dieser Länderstriche war jene Zeit, wo Griechen sie beherrschten. Die Ruinen ihrer alten Städte sind für den Alterthumsforscher eine Fundgrube archäologischer Schätze. Ehe diese Städte von den Römern unterjocht wurden, was im dritten Jahrhunderte christlicher Zeitrechnung geschah, standen sie schon seit Jahrhunderten in Blüthe, einige derselben seit dem grauesten Alterthume, wie sich aus dem Style ihrer Bildwerke erkennen läßt.

Das Land, wo sie gefunden werden, ist mit Ruinen bedeckt; es besteht, wie das gelobte Land, aus einer Kette von Hügeln und Thälern. Auf jedem Berge ein Tempel, auf jedem Felsenplateau eine Akropolis, an den Abhängen der Hügel Begräbnißhöhlen, Thäler und Ebenen mit zerstörtem Mauerwerk, Ruinen von Altären, Piedestals, Triumphbögen und Säulen übersäet, zwischen denen Fledermäuse und Eidechsen nisten.

In Lycien sind vorzugsweise die Grabmäler von hohem Interesse. Viele Meilen in der Runde sieht man die Felsenwände von ihren Ruinen prangen. Einige Hunderte derselben sind verhältnißmäßig gut erhalten und, wie es scheint, noch uneröffnet, aber der bei weitem größere Theil ist geplündert und zerstört. Sie haben meist griechische Inschriften. Viele derselben sind Monolithen – eins mit dem Felsen, in den sie der Meißel des Bildners gehauen –, manche mit architectonischen Ornamenten, andere mit epischen Basreliefs geschmückt.

Xanthus, dessen kostbare Ruinen die Aufmerksamkeit des Archäologen in so hohem Grade auf sich ziehen, ist jetzt wenig mehr als ein Trümmerhaufe, aufgestapelt an dem Ufer des Flusses, der gleichen Namen führt. Sie scheinen alle aus einer und zwar aus sehr früher Periode abzustammen. Viele der Mauern sind cyklopisch. Die Eleganz und Keuschheit im Style der Skulpturen beurkunden auch hier das hohe Talent griechischer Künstler. Die Ruinen bestehen aus Tempeln, Gräbern, Triumphbögen und einem Theater. Am anziehendsten sind die Grabmäler, ihrer poetischen und schön gearbeiteten Basreliefs wegen. Daß sie zweitausend Jahre lang, dem Wetter blosgestellt, sich bewundernswürdig gut erhielten, verdanken sie wahrscheinlich der feinen Politur des festen Marmors, aus dem sie gehauen sind, und welchen die Zeit nur mit leichtem röthlichen oder gelblichen Hauche gefärbt hat. Man findet sie von allen Größen, zwischen 5 bis 30 Fuß Höhe. Sie sind meist von länglichem Bau, einige zwei und drei Stockwerke hoch, und tragen am Giebel die, alten Kenotaphien eigenthümliche Form von Akroterien. Dächer, Simse und Seiten sind mehr und weniger mit Skulpturen und Ornamenten verziert. Die Basreliefs von einem der größten Sarkophage des alten Xanthus sind es, welche im brittischen Museum zwischen den egyptischen und elginschen Marmorn aufgestellt, seit Kurzem das Auge des Alterthumskenners fesseln. Die Zeichnungen, welche sie doppelt, nämlich in perspectivischer Ansicht und in einzelnen Details darstellen, mögen dem Leser den Kunsttypus dieser alten Bildwerke mit möglichster Treue versinnlichen.

Die nördliche Seite des Grabmals theilt sich in drei Tafeln. Auf der mittlern sieht man einen mit doppelter Tunika und Mantel bekleideten Herrscher auf einem Throne sitzen, den Stab – den Zepter der Alten – in der Linken, mit der Rechten einem vor ihm stehenden Krieger einen Helm überreichend. Jede der beiden Seitentafeln enthält die in egyptischen Bildwerken so häufig angewandte Figur einer Harpye in aufwärts fliegender Stellung, in den Klauen die Gestalt eines todten menschlichen Körpers tragend. Wahrscheinlich drückte der Künstler durch solchen Harpyenraub mythisch den glücklichen Eintritt der Seele in das Land der Unsterblichkeit aus.

Auch die südliche Seite des Sarkophages theilt sich in drei Tafeln. Außer den harpyenartigen Gestalten an den beiden Ecken sieht man hier im Mittelbilde wiederum einen königlichen Greis auf dem Throne, dem ein weibliches Wesen Granatäpfel und eine Taube überreicht.

Auf der östlichen Seite sieht man eine ähnliche ehrwürdige Gestalt auf dem Throne sitzen und der Rede eines Kindes lauschen, das einen Hahn darreicht. Hinter dem Throne stehen Personen vom Hause des königlichen Greises mit Früchten in der Hand, vor dem Kinde ein Mann mit einem Hunde, vielleicht sein Führer oder ein Dolmetscher seiner Gefühle, oder der Arzt des kranken Herrschers.

Die westliche Seite zeigt zwei auf Thronen sitzende weibliche Figuren. Vor der einen derselben stehen drei jungfräuliche Gestalten in schwer drapirten Gewändern, das Haar aufgelöst oder in langen Flechten herabhängend, die Stirn mit der Tiara geschmückt. Sie scheinen der Königin Blumen zu bringen. Gegenüber der zweiten weiblichen Gestalt, sitzend auf dem Throne, sieht man das Bild einer Kuh, die ein junges Kalb säugt, ohne Zweifel ein Symbol mütterlicher Zärtlichkeit. – Keine Inschrift nennt den Sinn dieser Bilder; aber ihre Bedeutung mag jedes gefühlvolle Menschenherz auch ohne Wort errathen. Wir sehen den väterlichen Herrscher, der dem Sohne Tapferkeit durch Ueberreichen des Helmes empfiehlt, wir sehen die glücklich mit schlanken Töchtern umgebene Herrscherin, die liebende Mutter, wir sehen den kleinen Enkel die Trinkschale der Hygeia, den Hahn des Aeskulap mit Wünschen der Genesung dem kranken Großvater kindlich darreichen, während die ernste traurige Miene seines Begleiters wenig von Genesung hoffen läßt; kurz der Marmor sagt uns hier, wie schon vor zweitausend Jahren Lust und Schmerz das Leben der Menschen bewegten.

Der Charakter dieser Basreliefs zeigt ein Gemisch von egyptischer u. persepolitanischer Kunst. An erstere erinnern die Harpyen, die Throne, die Lilien der weiblichen Figuren, an letztere Haarschmuck und Faltenwurf der Gewänder.

Auf der Platte findet der Leser noch drei Bilder gravirt. Zwei davon stellen griechische Amazonen und das dritte den Torso einer männlichen Figur vor. Diese Marmor sind von römischer Skulptur, aus der besten Periode, und verdienen unter den neuen Acquisitionen des brittischen Museums vorzügliche Beachtung. Der Künstler, der sie schuf, wußte ihnen durch eine geschickte Behandlung der Gewänder, die überall da, wo es nöthig ist, die Bewegung der Glieder durchleuchten lassen, Leben einzuhauchen. Neuere Skulptoren können nicht besser thun, als wenn sie die Tiefen und Flächen studiren, die der antike Bildner mit so viel Einsicht und Gefühl zu meißeln verstand.

W. G.

Die Erscheinung des Kometen in der südlichen Hemisphäre.

Der berühmte Reisende Schomburgk theilt über dieses jüngste astronomische Ereigniß, welches ihn, in der Mitte seiner Indianer, eben so sehr überraschte, als die europäischen Astronomen, Folgendes mit,

„Wir fuhren den Essequibo hinauf, jenen stattlichen Fluß, welcher in drei, beinahe zwanzig Meilen breiten, Armen ausmündet. Das Wetter war ungünstig, der Regen war in Strömen herabgeflossen und der Himmel seit mehren Wochen mit Wolken bedeckt. Wir näherten uns dem Wasserfall Ouropocari, 4° 11’ nördlicher Breite, und hattem am 8. März drei Meilen unter demselben unser Lager aufgeschlagen, als zum ersten Male seit unserer Abreise der Himmel, welcher zeither eine einzige einförmige graue Wolkenmasse gezeigt hatte, sich am Abend aufklärte und nach Südwesten das tiefe, mit Sternen besäete, tropische Blau entrollte. Wir begrüßten mit Freuden diese Verkündung besserer Witterung, aber wie groß war unser Erstaunen, als wir gegen Westsüdwest einen breiten, weißen, nebeligen Streifen bemerkten, der sich nach dem Horizont hinabneigte und bis zu einer Höhe von 45° erhob! Der Zenith war mit jenen schönen Wolken bedeckt, welche die Meteorologiker cirro-cumulus nennen, der Himmel war aber vollkommen hell zu beiden Seiten des Streifens, welcher in seiner Breite von 64’ und der reinen, weißen, beinahe durchsichtigen Färbung einen herrlichen Contrast zu dem tiefen Azur des tropischen Himmels bildete. Ob der Streifen bis ganz auf den Horizont hinunterreichte, konnte ich nicht wahrnehmen, da der Wald, an dessen Saume wir uns gelagert hatten, wie eine Mauer mich an der Beobachtung dieses Theils des Himmels hinderte. Von dem Punkte an, wo der Streifen sichtbar ward, schien derselbe gleiche Breite zu haben, nur daß er nach dem Ende zu durchsichtiger ward und leicht divergirte.

Was kann das sein? war die erste Frage. Meine indianischen Freunde standen um mich herum und blickten mit Erstaunen bald auf das Phänomen, bald auf mich. War es ein Mondregenbogen? Die diagonale Richtung, ohne irgend eine Krümmung, stritt, abgesehen von der Stellung des Mondes, welcher beinahe im ersten Viertel und ein wenig westlich vom Meridian stand, gegen eine solche Voraussetzung. Mehre von der Mannschaft riefen: „Es ist eine Wasserhose!“ die es doch augenscheinlich nicht war, und nach vielem unnützen Hin- und Herrathen kamen wir dahin überein, daß es eine außerordentliche, höchst interessante Erscheinung sei, deren Art und Beschaffenheit sich vor der Hand nicht erklären lasse. Bald nachher zogen dunkle Wolken in einzelnen Gruppen schnell von Osten nach Westen und bedeckten theilweise den weißen Streifen, welcher durch die gebrochenen Wolken hindurch sichtbar blieb, woraus hervorging, daß das Phänomen einer höhern Atmosphäre, als der der Wolken angehöre.

Unsere Zweifel wurden aber am nächsten Abend, d. 9. März, gelöst: es war ein Komet! Unser Lager war jetzt so vortheilhaft gelegen, daß der südwestliche Horizont vor unsern Augen frei dalag. Der Himmel war bis sieben Uhr theilweise bewölkt, dann verzogen sich die Wolken gegen Westen hin und siehe! da stand der Komet in seiner ganzen Pracht, mit dem Kern ungefähr 12° über dem Horizont und mit dem Schweife bis zu dem etwa 45° hoch stehenden V des Eridanus reichend. Der Kern erschien dem unbewaffneten Auge wie ein Stern zweiter Größe; der Schweif, zu Anfange wie ein schmaler Streifen, breitete sich nach und nach bis auf 1° 10’ aus und verlor sich in den Eridanus. Das weißliche Licht und der durchsichtige Dunst des Schweifes divergirten in nebeligen Strichen etwa 20° unter dem Fuße des Orion.

Wir standen und erstaunten. Der helle Mond schmälerte etwas den Effect, den diese wunderbarste aller Naturerscheinungen hervorgebracht haben würde, wenn vollkommene Dunkelheit geherrscht hätte; die Ausdehnung des Schweifes war merkwürdig und die größte, die wir alle, die hier versammelt waren, jemals in unserm Leben gesehen hatten.

Ich erinnere mich noch des schönen Kometen von 1811, mit seinen divergirenden feuerfarbenden Strahlen; sein Schweif war aber weit kürzer als der, den wir jetzt anstaunten. Es war eine Scene, die sich meinem Gedächtniß fest eingeprägt hat. Da standen wir auf einer kleinen Insel mitten im Essequibo, umgeben von den schäumenden Fluthen, welche durch Granitdämme in ihrem Laufe gehemmt, donnernd über die schwarzen Steinmassen hinwegstürzten; ich, der einzige Europäer unter einer Anzahl nackter Wilden, deren kupferfarbene Gestalten von unserm Wachtfeuer seltsam angestrahlt wurden. Einige standen aufrecht, mit den Armen über die Brust gekreuzt, die andern kauerten auf dem Boden – aller Augen aber waren furchtsam auf den fremden Stern mit dem leuchtenden Schweife gerichtet. Kein Wort ward gesprochen. Das Rauschen des schäumenden Wassers war die einzige Unterbrechung des Schweigens. Tamanua, ein junger Wapisiana von mehr Verstand, als man gewöhnlich unter seinem Stamme antrifft, brach endlich das Schweigen. „Das ist,“ sagte er, „der große Geist der Sterne, der furchtbare Capischi – Hungersnoth und

Empfohlene Zitierweise:
: Illustrirte Zeitung, Nr. 4 vom 22. Juli 1843. J. J. Weber, Leipzig 1843, Seite 62. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Illustrirte_Zeitung_1843_04.pdf/14&oldid=- (Version vom 6.1.2019)