Hauptmenü öffnen

Seite:Illustrirte Zeitung 1843 04.pdf/1

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Illustrirte Zeitung, Nr. 4 vom 22. Juli 1843


Illustrirte Zeitung (1843) Kopf.PNG


Nr. 4.] Leipzig, Sonnabend den 22. Juli. [1843.

Jeden Sonnabend 1 Nummer von 48 Foliospalten. – Vierteljährlicher Pränumerationspreis 12/3 Thlr. oder wöchentlich 4 Ngr. – Einzelne Nummern 5 Ngr.

Inhalt.

Espatero. – Die Eisenbahnen in Frankreich. – Die erste Fahrt auf der Eisenbahn von Paris nach Orléans. – Unser Wochenbericht. – Kolokotroni’s Tod.

Der Neubau der obern Pyramide des Stephansthurms zu Wien. – Ein Reisemärchen. (Fortsetzung.) – Die Erscheingung des Kometen in der südlichen Hemisphäre. – Literarische Anzeigen. – Modebericht. – Die spanischen Tänzer in Paris.



Espartero.

In einem Augenblicke, wo der größte Theil von Spanien in hellem Aufruhr – bezahlt mit dem erpreßten Golde einer leidenschaftlichen und ehrgeizigen Frau und angeregt oder doch begünstigt durch einen Fürsten, der noch nie vor einem Mittel zurückwich, sobald es galt, die wahren oder vermeintlichen Interessen seiner Dynastie zu fördern – auflodert gegen einen Mann, welchen es selbst vor wenigen Jahren erst zur höchsten Würde erhob, und welcher es in diesen wenigen Monaten, umgeben von Schwierigkeiten aller Art, zu einem Zustand der Ordnung und der Gesetzlichkeit zurückgeführt hat, den es seit Jahrhunderten nicht mehr gekannt hat, von dessen Muthe, Umsicht und Treue das Wohl und Wehe eines der gesegnetsten Länder der Erde abhängt, dürfen wir hoffen, daß unsern Lesern ein kurzer Lebensabriß dieses Mannes nicht unwillkommen sein werde. Seine Vergangenheit muß uns Bürgin für seine Zukunft sein.

Illustrirte Zeitung (1843) 04 001 1 Baldomero Espartero.PNG

Don Baldomero Espartero, Graf von Luchana, Herzog vom Siege und von Morella, Grand von Spanien 1ster Classe, Generalissimus der spanischen Armeen und Regent, ist im J. 1793 zu Granatula, einem Dörfchen in der Provinz la Mancha, geboren. Er war das neunte Kind einer armen Familie; sein Vater war Stellmacher, oder nach Andern Fuhrmann. Da er sich frühzeitig für den geistlichen Stand bestimmte, so nahm man ihn in ein Kloster auf, wo er seine Studien beginnen sollte. Dies fiel gerade in die Zeit, als Napoleon im Jahre 1808 sich Spaniens bemächtigte. Der junge Espartero, damals sechzehn Jahre alt, nahm sofort Theil an der allgemeinen Schilderhebung des spanischen Volkes und trat als einfacher Soldat in ein Bataillon, das, fast nur aus Studirenden und Seminaristen gebildet, bald darauf verschiedenen Regimentern sich einverleibt sah. Espartero, der sich durch seinen Muth rühmlich ausgezeichnet hatte, wurde hierauf in die auf Isla de Leon errichtete Militairschule aufgenommen, die er mit dem Grade eines Unter-Lieutenants erst dann verließ, als der Kampf gegen Napoleon bereits beendigt war; er hatte jedoch Geschmack an der militairischen Laufbahn gefunden, und so verschaffte er sich die Erlaubniß, an einer Expedition gegen die insurgirten spanischen Colonien in Südamerika Theil zu nehmen.

Bald gewann er die Gunst des Generals Don Pablo Morillo, der ihn in seine Nähe zog. Der tapferste Muth und die seltenste Unerschrockenheit, die er in verschiedenen Treffen bewährte, zogen ihm zwar mehrfache Verwundungen zu, öffneten ihm aber zugleich eine glänzende Laufbahn und am Ende des Feldzugs, im J. 1824, war er bereits bis zum Rang eines Obristen heraufgerückt. Damals wüthete durch die ganze Expeditionsarmee eine grenzenlose Leidenschaft für das Spiel; auch Espartero theilte sie mit aller Heftigkeit, und da er ein ebenso guter, als überaus glücklicher Spieler war, so hatte er sich in kurzer Zeit ein beträchtliches Vermögen, und, was dabei selten ist, keine Feinde erworben; übrigens war er auch gerüstet, den Unzufriedenen und Uebelgelaunten zu begegnen, denn Niemand in der ganzen Armee war geschickter in der Handhabung aller Waffenarten, als er, mit dem Messer, mit dem Säbel und mit der Pistole. Jene amerikanische Expedition war die Quelle zu Espartero’s Erhebung. Das Spiel verschaffte ihm eine unabhängige Stellung; gemeinsam durchlebte Gefahren, die im Lager und auf dem Schlachtfelde geschlungenen Bande, Gleichförmigkeit des Geschmacks und der Lebensverhältnisse verschafften ihm Freunde und zukünftige Stützen, denn alle die Offiziere, die an diesem amerikanischen Kriege von 1815 bis 1824 Theil genommen, bildeten bei ihrer Rückkehr nach Spanien eine Art von Verbrüderung. Die stolze Verachtung der alten Soldaten aus dem Unabhängigkeitskriege erfand für sie den namen der Ayacucho’s, zum Andenken an die traurige Capitulation von Ayacucho, welche gleichzeitig dem Kriege und der spanischen Herrschaft in Amerika ein Ende machte. Jene Krieger sind jedoch allezeit eng verbunden geblieben, obschon Glück und Lebensverhältnisse sie zerstreut und die Mehrzahl in den bürgerlichen Kriegen sich unter verschiedenen Fahnen feindlich einander gegenüber gestanden hat.

Espartero erhielt den Auftrag, die während des Feldzugs eroberten Fahnen nach Spanien zu überbringen und als Belohnung dafür empfing er den Grad eines Brigadiers. Auf einer Sendung nach dem Depot von Logrono lernte er die Tochter eines reichen Grundbesitzers kennen, die als seine Gemahlin ihm in seine Garnison folgte, wo er seine Tage still bis zum Tode Ferdinand’s VII. verlebte. Jetzt trat er aber hervor, erklärte sich zu Gunsten der jungen Isabella II. und wurde beim Ausbruche des Bürgerkriegs auf seine Bitte zur Nordarmee versetzt. Zum Generalcommandanten der Provinz Biscaya ernannt, konnte sich Espartero keines großen Glückes rühmen, vielmehr wurde er öfters von Zumalacarreguy geschlagen; allein da er stets sein Leben gewagt und seine Tapferkeit allgemeine Anerkennung gefunden hatte, so hinderten die erlittenen Unfälle nicht, daß er nach und nach zum Maréschal-de-camp und Generallieutenant ernannt wurde. Als die Ereignisse von la Granja den General Cordova bewogen, seinen Abschied einzureichen und sich nach Frankreich zurückzuziehen, befand sich die Armee in einem solchen Zustande von Zuchtlosigkeit und Auflösung, daß einzig und allein Espartero für befähigt gehalten wurde, Cordova im Amte zu ersetzen. Ein Decret vom 17. September 1836 ernannte ihn daher zum Obergeneral der Operationsarmee des Norden, zum Vicekönig von Navarra und zum Generalcapitain der baskischen Provinzen.

Auf diesem neuen Schauplatze entwickelte Espartero das große Talent, mehr durch Unterhandeln und Zögern, als durch kriegerische Thaten zu siegen. Man muß zugestehen, daß ihn die Umstände bestens unterstützten; allein er wußte auch Vortheil daraus zu ziehen, und das bleibt immer das größte Lob, das man einem General machen kann, dessen Auftrag in der glücklichen Beendigung eines Bürgerkriegs besteht. Als Espartero das Obercommando über die spanische Armee übernahm, war Zumalacarreguy nicht mehr; das frische Leben, das er in die insurrectionelle Schilderhebung gebracht hatte, war inmitten der Umtriebe eines erbärmlichen Ehrgeizes, der Nebenbuhlerei und des Zwiespaltes, welche das Lager des Don Carlos bewegten, erloschen. Die Navarresen, des verderblichen Krieges müde, waren es überdrüssig, die Vertheidigung ihrer Privilegien der Sache des Prätendenten aufgeopfert zu sehen. Andererseits erkannte endlich auch die spanische Regierung die Bedeutsamkeit des carlistischen Aufstandes, und beschloß, zur Beendigung des Bürgerkrieges alle ihr zu Gebote stehenden Mittel zu verwenden. Stark durch Vortheile, die seine Vorgänger nicht gehabt hatten, war Espartero zuerst auf die Reorganisation der zuchtlosen und entmuthigten spanischen Armee bedacht. Ohne Lebensmittel und Gold, bewegt von dem Sturme der Revolution, der Aller Geister durchwehte, häufig ausgehungert, allezeit mißvergnügt, setzte diese Armee ihre Generale ab, tödtete sie, überließ sich allen möglichen Ausschweifungen und trug zu mehr als der Hälfte die Schuld der glücklichen Erfolge des Don Carlos.

Ein bei Luchana erfochtener glänzender Sieg gab den entzügelten Horden Muth und Vertrauen zurück. Dieser

Empfohlene Zitierweise:
: Illustrirte Zeitung, Nr. 4 vom 22. Juli 1843. J. J. Weber, Leipzig 1843, Seite 49. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Illustrirte_Zeitung_1843_04.pdf/1&oldid=3470896 (Version vom 6.1.2019)