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Wesens. Und wer ihn am stärksten liebte, das war Solon. Oft sprach er zu dem Jüngling: „Ich wollte, mein Sohn gliche Dir, wenn ich aus meiner Verbannung heimkehre und ihn wiedersehe!“

Da pflegte wohl Kroisos den Gast vertraulich beiseite zu nehmen und ihn zu fragen: „Nun, bist Du immer noch Deiner Ansicht?“

„Immer noch!“ war Solons unbeugsame Antwort.

Auch der holden Omphale durfte Eukosmos ungehindert sich nähern. Er gestand ihr seine Liebe, und es war Frühling.

Es war Frühling, als Omphale ihm erwiderte: „Eukosmos, auch ich liebe Dich und will Dein Weib sein, wenn Deine Probezeit vorüber ist.“

Denn sie wußte nur von einer unbestimmten Probezeit, die ihr Vater dem Freier auferlegt hatte.

Es war aber ein sonderbarer Frühling in Lydien, der die Leute froh und schwer machte. Ein unerklärter Reichthum hatte sich über das Land ergossen. Wenigstens gab es keine Darbenden und Bettler mehr. Das hatte mit den unentgeltlichen Mehlvertheilungen vor einigen Monaten begonnen. Diese erfolgten im Namen des Königs zu Sardes und in allen übrigen Städten und Gemeinden des Landes. Anfänglich nahmen nur die Aermsten die Gabe. Doch da der Vorrath unerschöpflich schien, wie die Gnade des guten Herrschers, und da sich Jeder so viel Mehl holen konnte, als er für sein Haus brauchte, kamen nach und nach auch die Anderen. Es war ein Leben wie am öffentlichen Brunnen. Man zog mit vollen Eimern ab. Einige suchten die Erklärung des wundersamen Vorganges, und da fanden sie scharfsinnig heraus, daß es dem Kroisos durch eine glückliche auswärtige Politik gelungen sei, den Brotbedarf des

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Theodor Herzl: Philosophische Erzählungen. Gebrüder Paetel, Berlin 1900, Seite 16. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Herzl_Philosophische_Erzaehlungen.djvu/21&oldid=- (Version vom 1.8.2018)