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ihre Liebkosungen auf einen Händedruck beim Abschied beschränkt Er war, wie gesagt, ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Er hatte seine strengen Grundsätze und hätte sich nie unterfangen, die junge Komtesse ohne Einwilligung der Eltern oder eine offizielle Legitimation auf den Mund zu küssen.

Die beiden liebten sich maßlos und waren sich klar, daß sie füreinander fürs Leben bestimmt waren.

Zwar war der Maler arm wie eine Kirchenmaus, und es fiel ihm schwer, das bißchen für seinen bescheidenen Unterhalt zu erwerben. Dazu kam noch, daß er aus seinen knappen Mitteln die frühere Waschfrau seiner verstorbenen Mutter, die Witwe Bunke, und ihre Kinder unterstützte. Er ließ ihre Jungen studieren, die Witwe alljährlich nach Ostende oder Biarritz zu ihrer Erholung gehen und kaufte den Töchtern Karten für Bayreuth.

Ja, er war ein Ehrenmann, die Seele von einem Menschen. Lilli und Theobald waren überein gekommen, daß Theobald, sobald er sein großes Gemälde „Rübezahl“ verkauft hätte, beim alten Grafen um die Hand seiner Tochter anhalten sollte.


An jenem Morgen, an dem sich die Szene auf der Terrasse abspielte, saß Theobald, nachdem ihn Lilli verlassen hatte, stundenlang grübelnd, den Kopf in die Hände vergraben vor seiner Staffelei. Plötzlich schreckte ihn ein Lärmen und Geschrei in der dichtesten Nähe aus seinen Gedanken auf. Ein Schuß fiel. Es wurde um Hilfe gerufen. Es fiel noch ein Schuß.

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Hermann Harry Schmitz: Buch der Katastrophen. Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1916, Seite 68. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Hermann_Harry_Schmitz-Buch_der_Katastrophen-1916.djvu/066&oldid=- (Version vom 1.8.2018)