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Osten und Europa gespielt haben, muß vorläufig dahingestellt bleiben. Chinesische Quellen[1] lassen die Chinesen in ältester Zeit auf Bambustäfelchen schreiben, deren noch eine Menge in Pagoden aufbewahrt werden soll; und ganz dünne Holztäfelchen mit Schriftzeichen und Lackmalereien dienen noch heute in Japan als Buchzeichen, während sich in Cochinchina die primitive Sitte erhalten hat, auf Palmblätter zu schreiben.[2] Aber auch Seidenpapier, wirklich aus Seide bereiteter Schreibstoff, soll benutzt worden sein. An die Stelle der schwerfälligen Bambustafeln und der teuern Seide brachte Tsai-lün im Jahre 153 n. Chr. das erste Pflanzenpapier. Er ließ Baumbast, Hanffasern, ferner alte Gewebe und Fischnetze in Wasser weichen und verwandelte sie endlich durch Rühren und Stampfen in eine breiartige Masse, aus welcher er Papier formte. In der Folge wurden die mannichfachsten Pflanzenbestandteile in gleicher Weise ausgenutzt, aber die größte Bedeutung hat die unter der Rinde der Bambusschößlinge liegende Faser erlangt und behalten, während in Japan[3], wohin die Kenntnis der Papierfabrikation gegen Ende des 6. Jahrhunderts von Korea aus gelangt sein soll, eine Maulbeerstaude, Brussonetia papyrifera, vorzugsweise benutzt wird. Das Schöpfen des Papiers ist da wie dort noch ausschließlich Handarbeit, und die Arbeiter besitzen ein unvergleichliches Geschick darin, genau die erforderliche Menge der Masse auf die Form zu bringen und jenes Verfilzen der Fasern zu bewirken, welches dem Papier der Ostasiaten bei so geringer Stärke so große Festigkeit verleiht.

Von Verarbeitung der Baumwolle ist allerdings in China nicht die Rede, weil diese Pflanze dort erst im 9. Jahrhundert akklimatisiert worden ist. Indien dagegen baute sie vor unvordenklichen Zeiten an, und durch Indien haben die Erzeugnisse und die Erfindungen der Chinesen so häufig ihren Weg genommen, daß eine Vertauschung der Rohstoffe ebensowohl dort, wie in Arabien selbst oder, wie andere wollen, in Samarkand vorgenommen sein könnte.

Die Untersuchungen über den Zeitpunkt des Auftretens des Linnenpapiers haben bisher kein bestimmtes Ergebnis geliefert und konnten dies auch wohl kaum. Denn sobald man anstatt roher Baumwolle Gewebeabfälle, Hadern verarbeitete, mußte man Papier aus den verschiedensten Textilstoffen erhalten und mußte erkennen, welche Vorzüge das aus der Leinfaser bereitete habe. Und wenn, soviel bekannt, zuerst Abt Petrus


Fußnoten

  1. Stan. Julien et P. Champion. Industries anciennes et modernes de l’Empire Chinois. Paris 1869.
  2. Egger. Le papier. Paris 1866.
  3. (Matsugata.) Le Japon à l’Exposition universelle. Paris 1878.


Empfohlene Zitierweise:
Friedrich Kapp: Geschichte des Deutschen Buchhandels Band 1. Verlag des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler, Leipzig 1886, Seite 227. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Geschichte_des_Dt_Buchhandels_1_04.djvu/006&oldid=- (Version vom 1.8.2018)