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Das Wappen ist so bedeutend, daß manches Geschlecht davon den Namen führt, die Haken und Pilsen in Meldorf von ihren Kesselhaken und Pfeil, ebenso die Bielsmannen, Tangmargeschlecht, Sulemannen, Risemannen, Lemmemannen. Bei Neocorus finden wir 118 Geschlechter; ob sie alle neben einander existirten, ist eine andere Frage. Manches erschien mit imponirender Manneszahl, wie die Woldersmannen 506 Mann stark, mit ihren gekreuzten Ankern, in Albersdorf und Umgegend heimisch, die Vogdemannen aus Burg und Windbergen, die eine gebrochene Mauer im Wappen führten und zu denen die adlige Kluft der Reventlowen gehörte; denn die größeren Geschlechter theilten sich in mehrere Klüfte, die dem Geschlechtswappen ein Abzeichen hinzufügten, und es theilten sich auch die Klüfte wohl wieder in Temmeden. Bei gewissen Geschlechtern scheint der Name auf eine Sammlung um einen Häuptling hinzudeuten, Hergens Classchlecht, Henniers Peters Volk zu Busenwurth, Voß Hennecken Volk.

Mit der Geschlechtsverbindung und Organisation berühren wir eins der wichtigsten und weitgreifendsten Institute einer Zeit, deren sämmtliche Verhältnisse auf Fehderecht begründet waren, und das dauerte in Holstein bis 1392, in Dithmarschen wenigstens noch ein halbes Jahrhundert länger. Es war eine große gegenseitige Assecuranz für Leib und Leben, für Hab und Gut, für Rechtsschutz und für größere Unternehmungen. Durch das Geschlecht geschützt, wohnte der Einzelne überall sicher; wehe dem, der ihm ein Haar hätte krümmen wollen; die Geschlechtsvettern hätten für den Erschlagenen die Mannesbuße gefordert; sie halfen sie ihm auch zahlen, wenn er das Unglück gehabt hatte, Todtschlag zu üben. Sie waren zur Hand, sein verlassenes Weib und Kind zu schützen, aber er war auch wiederum verpflichtet, Weib und Kind daheim zu lassen, um die Kränkung eines Geschlechtsvetters zu rächen, sei’s durch Gericht, sei’s mit Gewalt. Wo ihm innerhalb oder außerhalb Landes sein Recht versagt ward, da war das Geschlecht mit seinem ganzen Nachdruck da, und hatte er sich in schlimme Händel verwickelt, aus denen ihn nur schwere Brüche, wie er sie aus eignem Vermögen

Empfohlene Zitierweise:
Wilhelm Heinrich Kolster: Geschichte Dithmarschens. Nach F. C. Dahlmanns Vorlesungen im Winter 1826. Wilhelm Mauke, Leipzig 1873, Seite 226. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Geschichte_Dithmarschens_Kolster_1873.pdf/245&oldid=- (Version vom 14.6.2018)