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     Der Geiz erniedrigt unser Herz,

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Erstickt die edlern Triebe.

Die Liebe für ein schimmernd Erz
Verdrängt der Tugend Liebe,
Und machet, der Vernunft zum Spott,
Ein elend Gold zu deinem Gott.

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     Der Geiz, so viel er an sich reißt,

Läßt dich kein Gut genießen;
Er quält durch Habsucht deinen Geist,
Und tödtet dein Gewissen,
Und reißt durch schmeichelnden Gewinn

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Dich blind zu jedem Frevel hin.


     Um wenig Vortheil wird er schon
Aus dir mit Meyneid sprechen;
Dich zwingen, der Arbeiter Lohn
Unmenschlich abzubrechen;

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Er wird in dir der Wittwen Flehn,

Der Waysen Thränen widerstehn.

     Wie könnt ein Herz, vom Geize hart,
Der Wohlthat Freuden schmecken,
Und in des Unglücks Gegenwart

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Den Ruf zur Hülf entdecken?

Und wo ist eines Standes Pflicht,
Die nicht der Geiz entehrt und bricht?

Empfohlene Zitierweise:
Christian Fürchtegott Gellert: Geistliche Oden und Lieder. Weidmannische Handlung, Leipzig 1757, Seite 138. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Geistliche_Oden_und_Lieder-Gellert.djvu/162&oldid=- (Version vom 31.7.2018)