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Hugo Friedländer: Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung, Band 7

Behausung, verübt worden sei, und daß der Mörder die Leiche erst nach vollbrachter Tat an den Fundort geschafft habe. Der törichte Aberglaube, es existiere bei den Israeliten das Bedürfnis nach rituellen Morden, und es handle sich in diesem Falle um einen solchen, wurde auch wiederum lebendig, um so mehr, als die Umstände einen Lust- oder Raubmord vollständig auszuschließen schienen und man auch nicht annehmen konnte, daß der vierzehnjährige Knabe das Opfer von Haß oder Rachsucht geworden sei. Es fand infolgedessen auch im Dorfe Skurcz ein regelrechter Krawall, der sich gegen die dort lebenden Juden richtete, statt. Der Verdacht, den Mord verübt zu haben, lenkte sich auf verschiedene Personen, und zwar zunächst infolge der Aussage eines Mannes, namens Sprada, auf den Kaufmann Boß. Dieser Sprada erzählte: Am Abende des 21. Januar 1884 habe er von Gappa einen Knaben herauskommen sehen. An dem Hause des jüdischen Kaufmanns Boß sei der Knabe auf Anrufen des Boß in dessen Haus gegangen. — Da jedoch der Mörder zweifellos ein im Sezieren sehr gewandter Mann gewesen sein muß, so lenkte sich der Verdacht auch auf den Schächter Blumenheim in Skurcz. Dieser vermochte aber den Nachweis zu führen, daß er in der Mordnacht verreist war. Es lenkte sich der Verdacht wiederum auf den Kaufmann Boß und dessen Vater, und infolge einer Aussage eines Arbeiters, namens Mankowski, auch auf den in Skurcz wohnenden Handelsmann Hermann Josephsohn. Mankowski bekundete nämlich: Am 22, Januar des Morgens sei er von seiner Heimat Skorczewo über Skurcz nach Pr. Stargard gegangen. Kurz vor sechs Uhr habe er am Thies- senschen Gasthof einen Menschen getroffen, der einen schweren Sack auf dem Rücken trug, und den Ossieker Weg gegangen sei. Er habe geglaubt, der Mann trage ein Kalb, an der unteren Ecke sei jedoch ein runder Gegenstand, der wie ein Menschenkopf aussah, zu sehen gewesen. In dem Träger des Sackes habe er den Hermann Josephsohn erkannt.

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Hugo Friedländer: Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung, Band 7. Hermann Barsdorf, Berlin 1912, Seite 73. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Friedlaender-Interessante_Kriminal-Prozesse-Band_7_(1912).djvu/77&oldid=- (Version vom 29.3.2023)