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Hugo Friedländer: Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung, Band 2

Meineidstaktik der Anarchisten. Die Beobachtungen des Barbiers Breuer und seiner Ehefrau sind gewiß mit bestem Wissen wiedergegeben worden, es ist aber nicht ausgeschlossen, daß sie sich irren. Es ist bezeichnend, daß Koschemann und Westphal bei dem Barbier Breuer mit Nachdruck von dem „Judenflinten“-Fest gesprochen haben; sie wollten wahrscheinlich hiermit dem Barbier ein Stichwort beibringen, damit er sich später noch besinnen könnte, daß sie an jenem Tage nach Weißensee gehen wollten. Daß Koschemann nicht um 7 Uhr bei Breuer gewesen sein kann, geht schon daraus hervor, daß Koschemanns eigene Entlastungszeugen behauptet haben, er sei schon gegen 6 Uhr in Weißensee gewesen. Dann kann er nicht um 7 Uhr bei Breuer gewesen sein. Der Staatsanwalt ging alsdann die einzelnen Zeugenaussagen durch, die sich auf die Zeitabschnitte des 29. Juni 1895, auf die Anwesenheit Koschemanns in Weißensee usw. beziehen und zeigte, daß sowohl in den Angaben Koschemanns, als auch in den Bekundungen der Zeugen, die ihn gesehen haben, erhebliche Widersprüche festzunageln seien. Koschemann hat offenbar seinen Alibibeweis von vornherein sehr schlau sich zusammengestellt. Niemand bestreitet‚ daß Koschemann am Abende des 29. Juni 1895 in Weißensee war – es fragt sich bloß, zu welcher Zeit? Der Zug ging um 8 Uhr 56 Minuten vom Schlesischen Bahnhof nach Weißensee, von da sind es nur 10 Minuten bis zu Sternecker. Dies ist festzuhalten. Die Aussagen der Zeugen, die den Koschemann draußen gesehen haben wollen, sind doch zu unbestimmt, um darauf etwas zu geben. Der Alibibeweis ist mißlungen! Und dann die Hauptsache: Wo ist Koschemann am 29. Juni vormittags gewesen? Er behauptet steif und fest, bei Gürtlers. Frau Gürtler verneint dies aufs entschiedenste. Hat Frau Gürtler, die in intimem Freundschaftsverhältnisse zu Koschemann stand, die liebevoll für ihn eingezahlt hat, irgend ein Interesse daran, Koschemann hineinzulegen? Nimmermehr! Dann bedenken Sie die Art der Zusammenstellung der

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Hugo Friedländer: Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung, Band 2. Hermann Barsdorf, Berlin 1911, Seite 187. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Friedlaender-Interessante_Kriminal-Prozesse-Band_2_(1911).djvu/195&oldid=- (Version vom 9.12.2016)