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als geschniegelten und geschwätzigen Conférencier. Der Franzmann kam nicht mehr mit der Fahne der ‚Gloire‘ in der Hand, sondern als schmiegsamer Schneidermeister mit dem Bandmaß. Er sandte nicht mehr Granaten über den Rhein, sondern die Stinkbomben seiner Sittenromane und Unsittenstücke. Er schickte uns keine Kriegserklärungen mehr, sondern Menus. Blieb der Franzose endlich bei sich daheim, so kam dafür die Französin massenweise zu uns ins Land und lehrte deutsche Kinder ein ganz unnützes welsches Geplapper, auf Grund dessen sie sich dann als Erwachsene ihren deutschen Volksgenossen an Bildung überlegen fühlten, nach dem Ausspruch des gebildeten Hausknechts in der Posse: „So ein bißchen Französisch ist doch wunderschön!“

Es gab vereinzelte Ausnahmen auch in Frankreich. So in der Wissenschaft. Ein Pasteur, war ein Wohltäter der Menschheit, so gut wie ein Koch, Behring oder Ehrlich bei uns sind.

Ein Zola hatte den Mut, im Dreyfus-Prozeß sich öffentlich den finsteren, bis zum Meuchelmord sich verirrenden Machenschaften des französischen Generalstabes entgegenzustellen.

Ein Jaurès kämpfte in Frankreich entschlossen für Frieden und Recht. Aber es waren weiße Raben und Unglücksraben. Zola fand, von seinen Landsleuten halb geächtet, ein nie aufgeklärtes Ende, und Jaurès wurde bekanntlich während der Mobilmachung in Paris im Kaffeehaus ermordet.

Die große Masse äußerer und geistiger Güter, die wir aus Frankreich bezogen, war wertlos, und es waren auch nicht gerade die wertvollsten Teile der deutschen Nation, die es für mondän hielten, im Kabarett die Chansons einer Diseuse zu hören, denen deutsche Speise und Trank erst schmeckte, wenn der Maître d’hôtel im Grand-Restaurant ihnen ein Diner à part servierte, denen eine deutsche Frau womöglich erst dann recht gefiel, wenn sie einen Laden mit „Modes de Paris“ in Nahrung gesetzt hatte … Das waren die Leute, die im Frieden dem unbedeutendsten Zeug, das sich in Paris ereignete, ein brennendes Interesse zuwandten, während man in Frankreich über Berlin, wie der Verfasser genau weiß, so gut wie gar nicht und höchstens im Ton ironischer Verachtung sprach.

Und damit kommen wir zum zweiten: Zur Unterschätzung Frankreichs. In sie verfielen bei uns gerade die ernstesten Leute, die nicht in der Lage waren, sich aus eigenem Augenschein ein genaues Urteil zu bilden, und die also nur das von Frankreich sahen, womit sich bei uns die obengenannten Schichten beschäftigten. Das aber war vorwiegend die Fäulnis der Boulevards. Die Franzosen sind selbst an

Empfohlene Zitierweise:
Rudolph Stratz: Frankreich (Vortrag von Rudolph Stratz). Kriegs-Presse-Amt, Berlin 1917, Seite 8. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Frankreich.pdf/8&oldid=- (Version vom 1.8.2018)