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Selbst Lyon, die Seidenstadt, macht, so glänzend und reich sie ist, doch in der Nüchternheit und Farblosigkeit ihres Lebens kaum eine Ausnahme.

Eine solche gilt höchstens von Marseille, der großen Hafenstadt am Mittelmeer. Hier ist man schon unter der Sonne des Südens, in einer lärmenden Welt für sich. Und hier in der Provence haben sich auch die Reste früherer Romantik erhalten, wie bei uns am Rhein.

Man muß, wie der Verfasser dieses Vortrags, ganz Frankreich zwischen Wasgenwald und Pyrenäen selbst bereist haben, um zu wissen, was Frankreich ist. Denn gewiß: Paris ist Frankreich. Aber Paris lebt zugleich von Frankreich. Es ist Frankreichs Wasserkopf. Es saugt aus der Provinz alles, Menschen, Geist und Geld an sich. Und diese Menschen bringen ihre Eigenart mit nach Paris, dem großen Menschenfresser, der ja nur durch ihren fortgesetzten Zustrom sich vor dem Aussterben bewahrt. So gibt es gewisse Eigenschaften, die jedem Franzosen, sei er Pariser oder nicht, gemeinsam sind, und die wir zum Schluß dieses Vortrags in ihrer Einwirkung auf uns betrachten müssen.

Da ist als Erstes für jeden, der Frankreich kennt, der grenzenlose Schmutz! Kein Volk badet und wäscht sich so wenig bei aller äußeren Eitelkeit wie das französische. Das geht vom unglaublichen Dreck französischer Dörfer bis in die Intimitäten der Millionärswohnungen in den Champs-Elysées von Paris. Der Schmutz spiegelt sich auch in der Sprache wieder. Der Franzose und auch die Französin aller Stände gebraucht Ausdrücke und spricht unbefangen von Dingen, deren Erwähnung in jedem anderen Lande Europas unmöglich wäre. Dieser Schmutz erfüllt auch als Bodensatz die Seele Frankreichs. Nicht nur im bürgerlichen Leben. Auch der Franzose im Felde zeigt gegen seinesgleichen eine Roheit, gegen den Feind eine anwidernde Grausamkeit, die sich nur aus einem Fehlen der einfachsten sittlichen Empfindungen erklären läßt. Über diese Kloake des Herzens täuscht kein geistiges Gegacker und keine Eleganz der Boulevards hinweg, so sehr einzelne törichte Leute bei uns das auch im Frieden bewunderten.

Mit der Philisternatur des Franzosen hängt zum Zweiten seine geistige Unselbständigkeit zusammen. So wie bei uns etwa jeder, um nicht aufzufallen, ungefähr Rock und Hose vom selben Schnitt trägt wie der andere, so trägt der Franzose die Meinung des andern. Es ist so wenig guter Ton, seine eigene Meinung zu haben, wie z. B. bei uns, als Naturmensch mit langem Haar herumzulaufen. Man kann auch in Frankreich keine eigene Meinung haben. Denn man reist nie. Man liest nichts vom Ausland. Man hört nichts

Empfohlene Zitierweise:
Rudolph Stratz: Frankreich (Vortrag von Rudolph Stratz). Kriegs-Presse-Amt, Berlin 1917, Seite 16. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Frankreich.pdf/16&oldid=- (Version vom 31.7.2018)