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Die Seelenburg

ernähren; wie es dadurch groß und stark wird und aus sich heraus die Seide spinnt und das Haus baut, worin das Würmchen stirbt, um dann als ein schöner, weißer Schmetterling daraus hervorzugehen – so gewinnt die Seele Leben, „wenn sie, vom Heiligen Geist erwärmt, anfängt, die allgemeine Gnadenhilfe, die Gott uns allen gewährt, zu benutzen und die Mittel anzuwenden, die er in seiner Kirche hinterlassen hat.

Diese Mittel, die einer in ihrer Sorglosigkeit und in ihren Sünden erstorbenen und von Gelegenheiten zur Sünde umgebenen Seele zu Gebote stehen, sind das öftere Beichten, die Lesung guter Bücher und das Anhören der Predigten. Tut die Seele dies alles, dann wird sie anfangen zu leben und darin, sowie in frommen Betrachtungen, Nahrung finden, bis sie großgewachsen ist“[1]. Dann beginnt sie das Haus zu bauen, in dem sie sterben muß. „Unter diesem Hause möchte ich hier Christus verstanden wissen“[2] nach dem Apostelwort: „Ihr seid gestorben und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott. Wenn Christus, euer Leben, erscheinen wird, dann werdet auch ihr mit ihm erscheinen in Herrlichkeit“[3].

Es klingt seltsam, daß Gott selbst unsere Wohnung sei und daß doch wir imstande sein sollen, sie zu bauen. Aber das ist nicht so zu verstehen, „als könnten wir von Gott etwas nehmen oder ihm etwas hinzufügen“. „Wir können allerdings gar wohl diese Wohnung bauen, nicht zwar, indem wir von Gott etwas nehmen oder ihm etwas hinzusetzen, sondern indem wir… uns selbst etwas nehmen und hinzufügen“: „… indem wir unserer Eigenliebe und unserem Eigenwillen entsagen, an nichts Irdisches uns hängen, den Bußübungen, dem Gebet, der Abtötung, dem Gehorsam uns hingeben und alle übrigen uns bekannten Tugenden üben“[4]. „Wir werden aber kaum noch alles getan haben, was wir konnten, so wird Gott diese kleine Arbeit, die wie nichts ist, schon mit seiner Größe vereinigen und ihr einen so hohen Wert verleihen, daß Seine Majestät selbst unser Lohn dafür wird …“

Und wie aus der Hülle des kleinen Seidenwurms der kleine Schmetterling hervorkommt, so ähnlich geht es mit „unserer Seele, wenn sie im Gebet der Vereinigung der Welt ganz abgestorben ist… Wie


  1. a.a.O. S. 111.
  2. a.a.O. S. 112.
  3. Kol. 3, 3-4.
  4. Seelenburg, S. 112 f.
Empfohlene Zitierweise:
Edith Stein: Die Seelenburg. Editions Nauwelaerts, Louvain 1962, Seite 48. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Edith_Stein_-_Welt_und_Person.pdf/48&oldid=- (Version vom 31.7.2018)