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der Kriegführenden in Frage kommt, das zeigt das Schicksal Belgiens. Uns haben freilich bei Kriegsausbruch nicht nur die sämtlichen Garantiemächte, sondern auch Italien, das 1815 noch nicht bestand und darum dazu nicht verpflichtet war, in feierlichster Weise die Anerkennung unserer neutralen Stellung bestätigt. Es wäre verbrecherisches Mißtrauen, an diesen loyalen Versicherungen zu deuteln. Die Mächte haben damit ihre nationale Ehre eingesetzt. Die allgemeine Entrüstung über den Ueberfall Belgiens, der für England den Vorwand zum Eingreifen bot, ist unsere beste Versicherung vor einem ähnlichen Schicksal, wenn wir unsere Pflicht treu erfüllen. Aber man könnte immerhin an diesen Pflichten deuteln?

Im Grunde beruht doch noch heute, wie vor 1815, unsere Neutralität auf unserer eigenen Kraft, auf unserer Wehrkraft und auf der Kraft unseres nationalen Willens, neutral zu bleiben. Die erstere hat in unsern Tagen gut funktioniert. Die Mobilisation unserer Grenzwehr vollzog sich mit einer Präzision, die uns selber verwunderte und mit Stolz erfüllte. Auch an dem Volkswillen, die Neutralität aufrechtzuerhalten, zeigten sich keine Zweifel. Nur für die Grenzen unserer Neutralitätspflichten zeigt sich ein etwas verschiedenes Verständnis. Ich habe oben ausgeführt, daß die Neutralität passive Sympathien nicht unterdrücken kann und darf. Aber Grenzen gibt es auch hier, Grenzen des Taktes und der Klugheit. Wenn ein zürcherisches Blatt in den ersten Kriegswochen die Idee einer künftigen Zollunion mit Deutschland aussprach, so war das eine schwere Entgleisung. Wenn welschschweizerische Blätter französischen Korrespondenten den Platz zu Leitartikeln einräumen, in denen der sinnlose Haß gegen das Schreckgespenst des deutschen Militarismus - der nun eben ein Stück deutscher Tradition und deutschen Wesens ist - blutrünstige Orgien feiert, und wenn sie kritiklos erfundene Räubergeschichten des „Matin“, die den bewußten Zweck verraten, unser Volk gegen einen Nachbarn

Empfohlene Zitierweise:
Robert Durrer: Kriegsbetrachtungen. Rascher & Cie., Zürich 1915, Seite 21. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DurrerKriegsbetrachtungen.pdf/23&oldid=- (Version vom 31.7.2018)