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Anonym: Edda

1.
Sêlida âno sorgûn: dâr nist nêoman siuh.

Dâr ni mak denne mâk   helfan vora demo muspile.
Denne daz preita wasal   allaz varprennit,
Enti vuir enti luft   iz allaz arfurpit:
Wâr ist denne diu marha   dâr man mit sînên mâgon piec?
Ni weiz mit wiu puazê: sâr verit si za wîze.

2.
Visc flôt aftar watare,   verbrustun sînâ vetherûn.


Nicht immer entsprechen dem Hauptstab zwei Nebenstäbe; oft läßt man sich an Einem genügen, z. B.:


Hohen und Niedern   von Heimdals Geschlecht.


Vier Langzeilen oder acht Halbzeilen der beschriebenen Art bilden ein Gesetz (erendi, vîsa). Z. B.:


Ihn mästet das Mark   gefällter Männer;
Der Seligen Saal   besudelt das Blut.
Der Sonne Schein dunkelt   im kommenden Sommer,
Alle Wetter wüthen:   wißt ihr was das bedeutet?


Diese einfache, volkstümliche Sangweise, in welcher die meisten Eddalieder gedichtet sind, führt den Namen Fornyrdalag, der ihren frühern Ursprung bezeichnet. Es ist der altepische Vers der Nordmänner, aus Langzeilen von acht Hebungen gebildet, die sich auch in den deutschen stabreimenden Gedichten finden, welche Otfried zuerst in zwei Hälften zerlegte und statt der Stäbe durch Reime verband. Als eine Unterart des Fornyrdalags, das auch Starkadarlag heißt, wird aber auch das Liodhahâttr bezeichnet, in welchem z. B. Hawamal und Wafthrudismal gedichtet sind, wie es sich überhaupt für das Lehrhafte eignet. Hier ist die erste mit der zweiten, die vierte mit der fünften Halbzeile in der bekannten Weise gebunden, während die dritte so wie die sechste Zeile mit sich selber reimt, indem sie gewöhnlich zwei, zuweilen auch drei Reimstäbe zählt. Z. B.:


Widar und Wali   walten des Heiligtums,
Wenn Surturs Lohe losch.
Modi und Magni   sollen Miölnir schwingen
Und zu Ende kämpfen den Krieg.


Diese Strophe zerfällt also in zwei gleiche Hälften, jede von drei Zeilen, von welchen die beiden ersten nur Halbzeilen sind, die dritte aber eine Langzeile ohne Einschnitt, weshalb sie bald zwei bald drei Stäbe hat.


Empfohlene Zitierweise:
Karl Simrock (Hrsg.): Die Edda, die ältere und jüngere, nebst den mythischen Erzählungen der Skalda, 6. Aufl., Stuttgart 1876, Seite 348. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Edda_(1876).djvu/356&oldid=- (Version vom 18.8.2016)