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Anonym: Edda

Bildung auszutilgen beflißen war, wurden Islands Geistliche die Pfleger der volksthümlichen Sprache, Sitte und Überlieferung, ja durch die im Ausland erlernte Schreibekunst erst die Gründer der altnordischen Literatur. Die Runenschrift war von sehr eingeschränktem Gebrauch gewesen; nun aber empfingen sie das lateinische Alphabet, in das nur einzelne Runenzeichen zur Bezeichnung eigenthümlich nordischer Laute Aufnahme fanden. Bald wurden auch auf Island selbst Schulen gegründet, die älteste zu Skalholt von Isleif dem ersten Bischof Islands. Eine andere stiftete der berühmte Sämund Sigfusson, wegen seiner Gelehrsamkeit hinn frôdi genannt (geb. 1056 † 1133) auf seinem Erbgute zu Oddi, wo auch Snorri Sturlason (geb. 1178 † 1241) der Verfaßer der Heimskringla, des großen nordischen Geschichtswerks, seine erste Bildung empfing.

Dem Sämund wird die Sammlung der Eddalieder zugeschrieben, den Snorri hält man für den Verfaßer der jüngern Edda, letzteres wohl mit Unrecht, ersteres wenigstens ohne Beweis; doch mag damit die frühe Entstehung dieser Sammlung richtig bezeichnet sein. Was hätte der Isländer, sobald ihm die Schreibekunst überliefert war, aufzuzeichnen sich mehr beeilen sollen als diese herlichen Lieder, das Kostbarste, womit ihn die Heimat ausgesteuert hatte? Nächst diesen brachte er nichts aus Norwegen herüber, das durch die Schrift zu feßeln ihm so angelegen sein muste als seine Göttersagen, und damit wird er schwerlich bis zu Snorris Zeit gewartet haben. Doch wir wenden uns einer nähern Betrachtung beider Werke zu.


1. Eddalieder.

1. Eine Sammlung mythologischer und epischer Lieder mit prosaischen Zwischenreden pflegt man die ältere Edda zu nennen, auch wohl die poetische oder Sämundische, Alles im Gegensatz gegen die s. g. jüngere, welche in Prosa abgefaßt ist und dem Snorri zugeschrieben wird. Von allen diesen Bezeichnungen ist aber keine ganz ohne Bedenken. Aelter heißt die Sammlung wohl insofern mit Recht als die meisten in ihr enthaltenen Lieder früher entstanden sein müßen als die Haupttheile der s. g. prosaischen Edda, deren Text mit Belegstellen aus diesen Liedern verbrämt ist. Da indes nur aus einigen, nicht aus allen Liedern Stellen angeführt werden, während das Alter anderer zweifelhaft bleibt, so könnte die durchgreifende Richtigkeit dieser Benennung wohl angefochten werden. Poetisch mag sie im Gegensatz gegen die dem Snorri zugeschriebenen nur insoweit heißen, als letztere von den wenigen eingewebten Belegstellen abgesehen in Prosa verfaßt ist; aber auch jene besteht nicht aus lauter poetischen Stücken


Empfohlene Zitierweise:
Karl Simrock (Hrsg.): Die Edda, die ältere und jüngere, nebst den mythischen Erzählungen der Skalda, 6. Aufl., Stuttgart 1876, Seite 336. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Edda_(1876).djvu/344&oldid=- (Version vom 18.8.2016)