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man an dem Alten bekämpft hatte, konnte ja schließlich weniger der Umstand sein, daß es alt war, als daß es qualitativ oder geschmacklich minderwertig gewesen war. Gelang es daher, diese Nachteile auszugleichen, so mußte etwas Neues zu schaffen sein, das gut war und zugleich doch jene Haltung besitzen konnte, die allen alten Schöpfungen, auch denen der letztvergangenen Zeit, immer noch anhaftete. Die Räume, die Bruno Paul auf der Dresdener Ausstellung zeigte, hatten eine solche Haltung. Ihre Sachlichkeit und Selbstverständlichkeit mußten ohne weiteres überzeugen. Die große einfache Raumteilung, die die guten Verhältnisse voll zur Geltung kommen ließ, der angemessene Maßstab und ein erlesener Geschmack, der Farben und Materialien fein zusammenzustimmen verstand, machten sie vornehm und wohnlich. Sie zeigten gegenüber dem wilden und abenteuerlichen Aussehen der meisten anderen Räume eine überlegene Reife.

Erfolg.

Diese Ausstellung Bruno Paul’s sowie diejenige, die er im nächsten Jahre auf der Berliner Kunstausstellung zeigte, bedeutete einen entschiedenen Erfolg und zugleich einen Wendepunkt in der Entwicklung der Bewegung. Er bewirkte nicht nur, daß diese sich auf sich selbst besann und in gesundere Bahnen einlenkte. Er gewann auch alle diejenigen, die ihr bisher mit berechtigtem Zweifel zugesehen hatten, zu Bundesgenossen. Auf den wilden Fasching der letzten 10 Jahre folgte ein Aschermittwoch. Dem Jugendstil war der Todesstoß versetzt worden. Man konnte bei aller Bewunderung für den Idealismus seiner Erfinder ihn nicht länger ernst nehmen. Es war an der Zeit, wieder einmal nachzudenken, sofern die ganze Arbeit und das mit so viel Stolz angekündigte Programm nicht einem unrühmlichen Untergang verfallen sollte. Schon begannen diejenigen zu triumphieren, die aus egoistischen Gründen dem Neuen von jeher feindlich gegenübergestanden hatten, und es drohte sich das Spiel in anderem Sinne zu wiederholen, d. h. man war geneigt, dem Neuen die Lebensberechtigung genau so abzusprechen, wie die Neuerer es vor kurzem dem Alten gegenüber getan hatten. Man macht ja so leicht den Fehler, in Extreme zu verfallen.

Es zeigte sich indessen, daß die Bewegung, wenn auch einstmals künstlich ins Leben gerufen, doch inzwischen so an innerer Kraft gewonnen hatte, daß sie sich nicht durch die Erkenntnis, auf dem falschen Wege gewesen zu sein, entmutigen ließ. Im Gegenteil, es begann erst jetzt eine Zeit der Vertiefung und der innerlichen Gesundung. Hatte man vorher mit dem Schlagwort des Persönlichen und Individuellen gearbeitet und den Schwerpunkt ausschließlich auf das Neuartige der formalen Erscheinung gelegt, so erkannte man nun, daß der Wert eines Gegenstandes keineswegs hiervon abhänge, daß er vielmehr in erster Linie auf der Güte seiner Herstellung beruhe. Hatte man ihn früher nach seiner Form eingeschätzt, so achtete man nunmehr auf seine Qualität und führte die Begriffe „gut“ und „schlecht“ ein, wo man bisher nur zwischen „alt“ und „neu“ unterschieden hatte. Jetzt war man endlich auf dem Wege, auf dem man ein Ziel und eine Besserung erreichen konnte. Jetzt, wo es sich nicht mehr um subjektiv willkürliche, sondern um positive und praktische Werte handelte, war auch die Möglichkeit gegeben, die Gefahr, die Bewegung möchte auf eine Modeerscheinung hinauslaufen, abzuwenden und sie mit denjenigen großen Faktoren in Einklang zu bringen, die für das Leben unserer Tage

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1605. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/476&oldid=3270947 (Version vom 31.7.2018)