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und Sorgfalt angelegt und sollte einen Überblick über alles bis dahin Erreichte geben, zugleich aber auch eine Heerschau aller der Kräfte darstellen, die bisher an dem Werke mitgearbeitet hatten. Sie hatte alle bildenden Künste, Architektur, Malerei und Plastik zur gemeinsamen Arbeit aufgefordert, sie hatte die große Baukunst wie den einfachen Grabstein, den Repräsentationsraum wie die Wohnung des Arbeiters, das kostbarste Prunkmobiliar wie den bescheidensten Gebrauchsgegenstand in allen Formen und Materialien zur Schau gestellt. Sie war in der Tat eine glänzende Veranstaltung, und doch konnte man sich des Gefühls nicht erwehren, daß das, was da geboten war, schließlich nicht das letzte, vor allem nicht das Resultat der mit so großen Worten angekündigten neuen Kunst sein konnte. Es war sicher viel Interessantes und viel Geschmackvolles dort, aber das meiste konnte sich über das willkürlich Launenhafte nicht erheben. Jetzt, wo man dem Neuen nicht mehr so überrascht gegenüberstand wie 10 Jahre vorher, jetzt wo man sich an seine Formen gewöhnt hatte, konnte man mit kühlerem Blut darüber urteilen und erkannte seine Schwächen. Man sah, daß eigentliche Fortschritte kaum vorhanden waren, daß es sich vielmehr bisher lediglich um das Wechseln eines Gewandes gehandelt hatte, ohne daß das, was sich darunter befand, verändert war. Und das Aussehen des Kleides war nicht einmal ein natürliches. Im Gegensatz zu der Formensprache der historischen Stile trugen die neuen Formen den sichtbaren Stempel des Gequälten und Unnatürlichen. Es waren nachweislich für sie weder die Bedingungen der Konstruktion noch irgendwelche sonstigen Bedingungen bestimmend. Einzig und allein die Laune ihrer Erfinder hatte diese Stilblüten gezeitigt und man mußte einsehen, daß es sich nicht um eine neue Kunst oder ein neues Handwerk, sondern allem um die Einführung neuer Muster handelte, die bei Gelegenheit eines Modewechsels wieder von der Bildfläche verschwinden konnten. Die Disziplinlosigkeit der neuen Formen feierte auf der Ausstellung wahre Orgien, und es war nicht zuviel gesagt, daß man sie einen förmlichen Hexensabbat wildgewordener Tische und Stühle nannte.

Noch ein Zweites mußte aber auf dieser Ausstellung klar werden, daß nämlich die bisherigen theoretischen Führer der Bewegung nicht immer auch zugleich befähigt waren, praktische Beispiele für ihre Lehre zu geben, die als nachahmenswerte Vorbilder dienen konnten. Was in einem Vortrag geistreich und glaubwürdig erschien, entbehrte in der Ausführung jeder Überzeugung, da es ja nicht das Produkt eines schöpferischen Genius, sondern nur das Resultat rein theoretischen Nachdenkens war. Die Unfruchtbarkeit solcher Leistungen und die geringe Aussicht, das in ihnen Verkörperte in irgendeinem Sinne weiter zu entwickeln, mußte auch denjenigen, die nicht in der Bewegung standen, klarwerden. Indessen wiesen inmitten all des Unreifen starke Anzeichen darauf hin, daß man den verhängnisvollen Irrtum der formalistischen Zuspitzung einzusehen begann. Das Studium der Schöpfungen früherer Perioden, besonders englischer Beispiele, führte zu der Erkenntnis, daß deren Wirkung nicht auf launenhafte Eingebungen, sondern auf bestimmte Gesetze und Erfahrungen zurückzuführen war, die man nicht schlechtweg über den Haufen werfen durfte. Man mußte im Gegenteil zu der Überzeugung kommen, daß, wenn man etwas gutes Neues schaffen wolle, man dieses nur in strengster Anlehnung an das Alte machen könne. Was

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1604. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/475&oldid=3270946 (Version vom 31.7.2018)