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So wandte man, indem man Plakate machte und Bücher ausstattete, dem einfachen Schriftsatz und der Type sein Augenmerk zu und kam von der Stickerei und dem Stoffmusterzeichnen zu einer Reformierung und künstlerischen Ausbildung der Frauenkleidung. Vom Einzelmöbel war man zum Wohnhaus übergegangen, und so war es nur ein Schritt weiter, daß man zu diesem auch den Garten hinzufügte und weiter zu einer Reformierung der Gartenkunst überhaupt kam. Englische und deutsche Veröffentlichungen vom englischen Hause hatten die Blicke auf die vorbildlichen Leistungen jenseits des Kanals gelenkt, so konnte man leicht ermessen, wie weit man bei dem Bau eines Wohnhauses in der Beeinflussung der Ausführenden zu gehen hatte und sah, daß man nicht auf halbem Wege stehenbleiben durfte. Zum guten Hause gehörten gute Räume, und zum guten Raum gute Ausstattungsgegenstände. Zum guten Hause gehörte aber auch eine gute Umgebung, sowohl die engere wie die weitere. Man mußte also außerdem das Grundstück gut durchbilden, aber auch die Straßen und den ganzen Ort nach richtigen Gesichtspunkten anlegen. So ging man vom Einzelhause weiter zum Städtebau und damit zu den größten Aufgaben, die der angewandten Kunst überhaupt gestellt werden können. Es waren das allerdings Gebiete, an die sich der Kunstgewerbler im engeren Sinne – denn dieser hatte sich inzwischen aus dem Maler entwickelt – nicht mehr heranwagen konnte, doch lag es eben an der Eigenart der Bewegung, daß alle Gebiete vom kleinsten bis zum größten von ihr ergriffen werden mußten. Ein Sichausschließen einzelner Zünfte war deshalb nicht möglich, schon aus dem Grunde, weil die Bewegung nicht die Domäne der Fachleute war, sondern sich vor der breitesten Öffentlichkeit abspielte. Das Entstehen einer großen Zahl von populären Kunstzeitschriften, vor allem aber die volkstümlichen Aufklärungsschriften von Paul Schulze-Naumburg weckten eine weitgehende Anteilnahme des großen Publikums. Das Interesse an der gleichzeitig einsetzenden Heimatschutzbewegung, die das Gute aus früheren Zeiten zu erhalten suchte, wurde mit dem an der kunstgewerblichen Bewegung verquickt und war der letzteren ein trefflicher Bundesgenosse.

Die Bedingungen für die Weiterentwicklung der Bewegung waren also die denkbar günstigsten. Es lag daher nahe, daß geschäftskluge Unternehmer auf den Gedanken kamen, die Konjunktur auszunutzen und an den verschiedensten Orten Werkstätten zu gründen, die Gebrauchsgegenstände aller Art nach Entwürfen von Künstlern und im Zusammenarbeiten mit diesen herstellten und die Einrichtung ganzer Räume übernahmen. Eine einwandfreie Arbeit war dabei ein Hauptbestreben der Unternehmen, doch zeigte die Formdurchbildung zwar viel Geschmackvolles, war aber im ganzen ein Spiegelbild der noch ungeklärten Auffassung ihrer Urheber. Immerhin war gegen den Anfang ein Fortschritt der Bewegung zu konstatieren, doch hafteten ihr noch so erhebliche Schlacken an, daß sie Gefahr lief, bevor sie zur völligen Reife kam, doch noch an diesen zu ersticken.

Kunstgewerbeausstellung Dresden 1906.

Die große Kunstgewerbeausstellung in Dresden 1906 sollte endlich die ersehnte Klärung bringen und einen Wendepunkt in der kunstgewerblichen Bewegung herbeiführen. Sie war mit einem bis dahin nicht gekannten Aufwand an Raum

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1603. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/474&oldid=3270945 (Version vom 31.7.2018)