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Hierbei konnte ein Rückschlag auf den Geschmack des Publikums natürlich nicht ausbleiben, zumal die Zeit ihre ganze Kraft in der Lösung technischer, wirtschaftlicher und politischer Probleme verbrauchte und keine Muße ließ, über andere Dinge nachzudenken. Man bemerkte es daher zunächst nicht, daß hier dem Volke wichtige Güter verloren gingen und kam erst zum Bewußtsein, als die Dissonanz zu dem Akkord des gewaltigen Aufschwunges auf fast allen anderen Gebieten gar zu schneidend wurde. Die Unhaltbarkeit des geschaffenen Zustandes mußte allerdings der günstigste Boden für ein einsetzendes Reformwerk sein, und zwar sollte hierzu der Anstoß vom Auslande ausgehen.

Einfluß Englands.

In England, wo die Verhältnisse anders lagen als in den übrigen Ländern, hatte man schon damit begonnen. Die isolierte Lage, die Weltmachtstellung, der Wohlstand und die politische Reife hatten hier dem Volke eine ruhige Fortentwicklung im 19. Jahrhundert garantiert und dem starken und vermögenden Bürgertum volle Muße gelassen, sein Leben zweckmäßig und behaglich einzurichten. Es konnte sich dort, wo ein Abbruch der Tradition im Grunde niemals stattgefunden hatte, eine Lebenskunst herausbilden, die für alle Schichten der Gesellschaft einen gemeinsamen Typus darstellte. Dieser Typus fand seinen sichtbaren Ausdruck im Wohnhause, und zwar vorwiegend im Einfamilienhause, das infolge der eigenartigen Grundbesitzverhältnisse in England vorherrschend war. Seine Durchbildung stellte Architekten und Handwerker vor eine ebenso hohe wie erzieherische Aufgabe. Die vielen praktischen Fragen, die schon bei der Anlage eines Wohnhauses, besonders aber eines Landhauses zu beachten waren, das Ausklügeln der Wirtschaftsräume und aller der Bequemlichkeiten, an die der Engländer gewöhnt war, vor allem aber die hohen Ansprüche, die er an die Behaglichkeit seiner Räume stellte, führten nicht nur zu besonderen Leistungen der Grundriß- und Raumgestaltung, sie zwangen zugleich dazu, auch dem kleinsten Detail eine peinliche Aufmerksamkeit zu schenken. So mußte sich der Sinn für das Zweckmäßige und Gediegene beleben und bei einem gleichzeitigen Studium der älteren heimischen Bauweise die Fähigkeit, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, geweckt werden. Die Aufklärungsarbeit eines John Ruskin und William Morris gewannen die Unterstützung weiterer Kreise des Publikums, besonders da sie nicht theoretisch blieb, sondern zu praktischen Versuchen überging. Zwar bewegte man sich zunächst noch in den Bahnen der Überlieferung, doch führte eine Vertiefung in die Aufgabe und ein Anpassen an die Technik ganz von selbst zu neuen Lösungen.

Einfluß Ostasiens.

Eine weitere Stärkung und Bereicherung erhielten die Bestrebungen durch die wachsende Kenntnis der Länder und Völker Ostasiens. Der erlesene Geschmack und die vollendete Technik, die die Erzeugnisse des dortigen Handwerks zeigten, mußten die gehaltlosen europäischen Fabrikate um so unbedeutender erscheinen lassen und gaben einen starken Ansporn zur Nacheiferung. Zwar war man bald von der Unmöglichkeit überzeugt, die Qualität dieser Stücke auch nur annähernd zu erreichen, doch suchte man ihnen, was man konnte, abzusehen, wenn man sich auch nicht an die besten Vorbilder hielt und das formale Aussehen

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1598. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/469&oldid=- (Version vom 31.7.2018)