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Arbeiten dieses Zeitabschnittes unter einem dem Freskostil abträglichen Zuviel an Raumillusion und malerischer Bewegtheit. Diesen Wandmalereien fehlt trotz vorzüglicher und energischer Zeichnung, trotz starker Bewegung und bedeutender Gebärden, trotz sorgfältig zugespitzter Komposition und der Erzielung eines gewissen Freskotones die monumentale Linien- und Flächenkraft, d. h. der Freskostil. Diese Werke berühren sich zu sehr mit der Tafelmalerei. Dabei ist es zunächst gleichgültig, ob sie in altmeisterlicher oder neuzeitlicher Art und Weise behandelt sind. Allerdings kann auch Tafelgemälden Monumentalität eigen sein, aber stets nur in beschränktem Maße, weil sich hier durch die Technik der Ölfarbe der Alltag mit seinen vielen störenden Einzelheiten unwillkürlich einschleicht. Am einschneidensten mußte aber die Pleinairmalerei mit ihren Folgeerscheinungen wirken, denn der Freilichtmaler kann nur Tafelmaler sein. Er sieht alle Gegenstände gleichmäßig von der Atmosphäre im Raum umschlossen, deutet jede Einzelheit einzig den wesentlichen Formen nach an, läßt überall aufzehrend oder verhüllend das Licht wirken. Das Fresko verlangt jedoch seinerseits starke führende Linien und breite Farbenflächen, die für den ganzen mit einem einzigen Blick zu erfassenden Aufbau des Werkes maßgebend sind. Sobald ein Schade erkannt ist, erwacht der Wunsch, ihn zu beseitigen. So regt sich denn auch hier bereits seit ca. 1890 neues Leben. Den zeichnenden Künsten gebührt an dieser Stelle eine Hervorhebung und unter diesen vornehmlich der Lithographie wegen ihrer Erziehung zur großen Linie, zur ausdrucksvollen Massengliederung und flächigen Farbenbehandlung. Als oberstes Gesetz gilt, in der Wandmalerei die ganze Fülle „wissenschaftlicher“ Einzelforschung zu künstlerischer Synthese zusammenzufassen. Dies wäre – müssen wir gerechterweise jetzt feststellen – nicht in dem Maße möglich gewesen, wie es tatsächlich stattfindet, ohne jenes Vollsaugen der Vorstellungskraft an bleibenden und schnell vorübergehenden Erscheinungen der ganzen sichtbaren Welt, wie dies die einfallmäßige Kunst der Eindruckmalerei geboten hatte. Seite an Seite mit modernsten Arbeitsergebnissen wirken die grundsätzlichen Lehren des Trecento und des italienischen Quattrocento förderlich ein; vornehmlich für das Erkennen der Raumfrage, wie der Farbenwerte des Freskos mit seinen ungebrochenen kräftigen, aber kühlen Kontrasten und breiten Flächen gegenüber dem schmeichelnden Glanze und der schimmernden Durchsichtigkeit der Ölfarbe. Auch ragt hier die neuzeitliche, gewaltige architektonische Entwickelung herein, welche von der in unerhörten Maßen ihr abverlangten neuen Raumdisposition ihren Ausgang nahm. Der architektonische Sinn, der alle Kunst heute wieder durchdringt, eröffnet auch der Wandmalerei neue Möglichkeiten. Es muß schließlich in diesem Zusammenhang mit einem Worte der modernsten Glasmalerei gedacht werden, weil sich in dieser ein hervorragend sicheres Gefühl für dekorative farbige Flächenkunst, für Linienwirkung und Hintergrundbehandlung äußert.

Inhalt der Monumentalmalerei.

Die alles zusammenschweißende Gewalt muß die feurige künstlerische Durchdringung des Menschen und der Natur bringen. Einzig dann ist es möglich, mit den Formen der Umwelt so souverän zugunsten eines inneren Erlebens und Vorstellens zu schalten, daß der Schöpfer das Werk abhängig machen kann von freiwillig auf sich genommenen, einschränkenden äußeren und inneren Bedingungen. Dies kann wiederum nur dann erfolgen, wenn in

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1588. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/459&oldid=- (Version vom 16.1.2022)