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möglich, wenn der Reichtum der künstlerischen Phantasie sich in solchem Maße angehäuft hat, daß die Tafelmalerei ihn nicht mehr fassen kann. In jedem Fall müssen wir es als Tatsache anerkennen, daß der Grundgedanke der neuzeitlichen Malerei entsprechend dem individualistischen Charakter unserer Zeit, „das wahrnehmende Subjekt zu verehren und an die Stelle der Treue gegen das Objekt die Treue gegen das subjektive Empfinden zu stellen“, stetig und allerorten, wenn auch nicht überall gleich stark durchgedrungen ist. Gegen die Mitte der neunziger Jahre dürfte ungefähr die eigentliche Eindruckmalerei mit dem farbenverschluckenden Sonnenlicht in Deutschland den Kulminationspunkt erreicht haben. Man wünscht seit dieser Zeit eine mehr flächige und auch farbensattere Malerei bei starker Durchleuchtung festzuhalten, die farbigen Werte zu geschlossenerer Farbenwirkung zusammenzuziehen. Unter erneutem französischen Einfluß (Cézanne und vornehmlich Van Gogh) wuchs diese Richtung und wurde allmählich in stetig sich steigernder Weise zur maßgebenden Auffassung. Gleichzeitig gewann allmählich, trotz impressionistischer Auffassung der Einzelheiten, die Linie wieder an Geltung, so daß sie und die lichtvollen Farbflächen die Anlage der jüngst gemalten Landschaften mit fast architektonischem Zwange beherrschen.

Szenenmalerei.

Der Widerstand gegen die Impressionisten und verwandte Auffassungen, der zu keiner Zeit völlig niedergerungen gewesen war, nahm seine Kraft aus dem innersten künstlerischen Empfinden des deutschen Volkes, welchem reine Formvorstellungen, die „Übertragung der Natur in eine neue Einheit“ nicht genügen. Wir Deutsche erfreuen uns an der Gedankenmalerei, wir wollen im Kunstwert uns selbst genießen. Wer dies nicht verstehen kann, oder dem Deutschen hier andere künstlerische Ideale wünscht, ist uns blutfremd. Man empfand deshalb im allgemeinen in Deutschland für den reinen Impressionismus verhältnismäßig wenig Liebe. Er besaß zwar in seiner erlernbaren Sachlichkeit für viele Charakter, aber keine hinreißende innere Macht. Man empfand ihn direkt als fremdartig, und warf den Malern vor, daß das Nur-Malen die Armut der Geistesbildung fördere, und hindere, große künstlerische Gedanken zu fassen, aus der Wirklichkeit den Anstoß zur Weltschilderung zu nehmen. Durch die Untertänigkeit unter die angeschaute Natur mit ihren Zufallswerten war der Künstler überdies zwar über den literarischen Vorwurf hinausgelangt, aber in anderer Hinsicht wieder unter die Herrschaft eines Stoffes, eben der „richtig“ wiederzugebenden Natur gelangt. Auch war die Abkehr von der Anekdote letzten Endes keine so unbedingte, wie es die Wortführer wahr haben wollten. Man floh zwar, um der Gefahr der Verschönerung zu entgehen, die Lebenskreise, welche durch ein gewisses Maß kultureller Entwicklung eine bestimmte Form erhalten haben, und wandte sich den niedrigeren Volksschichten zu, in der berechtigten Meinung, hier einfachere, unmittelbarere Lebensäußerungen und damit mehr die „Form an sich“ zu finden, einem gewissen „Inhalt“ konnte man deshalb doch nicht entgehen. Die Künstler bewiesen anderseits hier wieder, müssen wir hinzufügen, ihre Fähigkeit, die im Volke reif werdenden Regungen zu spüren. Die großen sozialen Gesetzgebungen in den achtziger Jahren, die Aufhebung des Sozialistengesetzes hatten die Anteilnahme an dem Handarbeiter in hohem Maße gesteigert. Die Künstler als die

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Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1582. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/453&oldid=- (Version vom 16.1.2022)