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Seite:Deutschland unter Kaiser Wilhelm II Band 3.pdf/355

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Nebenspannungen eiserner Fachwerkbrücken gegeben. Besonders für Eisenbetonträger in Fachwerkform eignen sich anscheinend die Rahmenträger gut. Ein abschließendes Urteil ist jedoch heute noch nicht möglich. Beachtenswerte Arbeiten über den Vierendeelträger sind neuestens zu verzeichnen von dem Altmeister Otto Mohr (Eisenbau, 1912, S. 85), Ostenfeld (Eisenbau 1912, S. 358), Mann (Zeitschrift für Bauwesen 1909 und Festschrift Müller-Breslau), Engesser (Zeitschrift für Bauwesen 1913, S. 345) und vielen anderen.

Raumfachwerke.

Eine besondere Stellung unter den Konstruktionen nehmen die Raumfachwerke ein, die freilich hauptsächlich bei den Hochbauten in Frage kommen, aber auch im Brückenbau von großer Bedeutung sind. Die Kenntnis der bei diesen Konstruktionen auftretenden Kräfte, der Bedingungen ihrer Standfähigkeit und die Berechnungsverfahren sind im letzten Vierteljahrhundert wesentlich gefördert worden. Hier sind zu nennen: Foeppl, Mohr, Henneberg, Müller-Breslau, Landsberg, Schlink u. a. Dabei waren gerade zwei Bauwerke die Veranlassung zu fortschrittfördernden Untersuchungen, die mit dem Deutschen Reich und Preußen in besonders engen Beziehungen stehen: Der Reichstagsbau und der Dom in Berlin. Bei dem Reichstagsbau mußte nachträglich eine große Kuppel, welche bedeutenden Winddrücken ausgesetzt ist, auf verhältnismäßig schwaches Mauerwerk gesetzt werden. Die schwierige Aufgabe führte dazu, daß Zimmermann eine neue Form der Kuppel und eine eigenartige Lageranordnung erfand. Die auf streng wissenschaftlicher Grundlage beruhende Konstruktion ist ein Triumph deutscher Wissenschaft. Der angedeutete Fortschritt gehört zu denen, die nicht mühelos einem Sonntagskinde zufallen, sondern die auf Grund der Kenntnis und genialer Verwendung der Naturgesetze gefunden werden. –Die Herstellung der großen Kuppel des Berliner Doms gab Müller-Breslau Veranlassung, die Berechnungsweise der Kuppeln wissenschaftlich zu vertiefen. Endlich muß noch eine neue Raumträgerart erwähnt werden, welche durch die Schwebebahn in Elberfeld-Barmen veranlaßt wurde. Dieser Träger ist von Rieppel erfunden und wird nach seinem Erfinder als Rieppelträger bezeichnet.

Die Gesetzmäßigkeiten im Aufbau der Fachwerke, sowohl der ebenen wie der räumlichen Fachwerke, beschäftigte im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts die wissenschaftlich arbeitenden Ingenieure in hohem Maße. Für die einfachen Konstruktionen kannte man die Gesetze, für gewisse verwickelte Anordnungen fehlten die Kenntnisse der Kriterien, welche beim Aufbau die Standfähigkeit maßgebend bestimmen. Die Lösung dieser Aufgabe ist den Arbeiten der letzten fünfundzwanzig Jahre zu verdanken, wenn auch die grundlegenden Arbeiten schon einige Jahre früher veröffentlicht waren. Durch das Verfahren des Ersatzstabes, wurde es möglich, die Frage nach der Brauchbarkeit der Fachwerke und der Richtigkeit ihres Aufbaues zweifelfrei zu beantworten. Besonders wichtig ist dieses Verfahren für die Raumfachwerke, deren Konstruktion dadurch eine sichere Grundlage erhalten hat. Die grundlegende Arbeit ist von Henneberg (Darmstadt) geleistet, die Verwendung für die praktische Konstruktionskunst ist das Verdienst von Müller-Breslau.

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. – Band 3. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1914, Seite 1484. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Deutschland_unter_Kaiser_Wilhelm_II_Band_3.pdf/355&oldid=3270827 (Version vom 31.7.2018)