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lassen und noch im Augenblick in der Taille und am Ellbogen ein gewisses Unbehagen empfinde. Im Salon war niemand, nur ein Licht brannte. Ssofja Petrowna saß auf dem runden Taburett vor dem Klavier, ohne sich zu rühren, als erwartete sie etwas. Und gleichsam, ihre äußerste Erschöpfung und die Dunkelheit benutzend, begann sich ihrer ein dumpfes unüberwindliches Begehren zu bemächtigen. Wie eine Riesenschlange umwand es ihre Seele und ihren Leib, wuchs mit jeder Sekunde und drohte nicht mehr wie früher, sondern stand vor ihr klar, in seiner ganzen Nacktheit…

Eine halbe Stunde lang saß sie, ohne sich zu rühren und den Gedanken an Iljin ganz hingegeben, dann erhob sie sich faul, und schleppte sich mühsam ins Schlafzimmer. Andrej Iljitsch lag schon im Bett. Sie setzte sich ans offene Fenster und gab sich ganz ihrem Wunsche hin. Einen „Wirrwarr“ hatte sie nicht mehr im Kopf, alle ihre Gefühle und Gedanken drängten einmütig nach einem bestimmten, klaren Ziel. Sie machte noch einen Versuch, dagegen zu kämpfen, aber gab es gleich wieder auf… Sie begriff jetzt, wie stark und unerbittlich der Feind war. Um mit ihm zu kämpfen, brauchte man Kraft und Stärke, während ihr Geburt, Erziehung und Leben nichts gegeben hatten, worauf sie sich hätte stützen können.

Unmoralisch! Abscheulich! warf sie sich selbst ihre Ohnmacht vor. – Also so eine bist du?

Ihre beleidigte Ehrbarkeit fühlte sich so empört durch diese Ohnmacht, daß sie sich selbst alle Schimpfwörter, die sie nur kannte, beilegte und sich viele beleidigende und erniedrigende Wahrheiten sagte. So sagte sie sich, daß sie eigentlich nie moralisch gewesen und nur deswegen nicht früher gefallen wäre, weil sich dazu keine Veranlassung geboten, daß der Kampf,

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Anton Pawlowitsch Tschechow: Von Frauen und Kindern. Musarion, München 1920, Seite 117. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Von_Frauen_und_Kindern_(Tschechow).djvu/117&oldid=- (Version vom 31.7.2018)