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Wohin wir den Fuss setzen, geschehn Wunder.

Die Bank unter der Linde – welch nüchterner Ort! Ammen stillen dort ihre Schreihälse und hellblaue Soldaten treiben mit jenen ihre Spässe. Sonnig ists und staubig – so profan!

Doch kommt der Abend und wir sitzen träumend da – Baum und Bank sind wie verwandelt, solche Zauberer sind wir. Zum Wundergarten wird die Welt, das Leben zum süssen Geheimnis. Die herabhängenden, weit ausgreifenden Zweige, die uns Himmel und Sterne verhüllen. Der ganze Anger liegt wie unter einem grünen Dach. Es rauscht in den Zweigen. Die weiche, kussliche Luft und all’ das Leuchten! Überirdisch wird die Erde. Wie ist uns? Wo sind wir? Wo wir schon oft gewesen. Wir sind geborgen. Es ist unser Reich. –

Und die hellen Nächte an der Grotte, wo Mondstrahlen uns vor den Augen tanzen, aus den Schatten hervorblitzen und allerlei Schabernack treiben, um uns zu erschrecken, wo Baum und Busch uns narren, sich vermummen, wo die Gespenster aus der Erde wachsen, die bösen Lauscher, dass ich immer wieder rufe: „Ein Mensch!“ Doch das Gelächter, wenn es nur ein Baumstamm war oder gar ein Pfahl.

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Die Thurmuhr der heil. Beatrixkirche klingt so wunderbar. Mittelalterlich und frisch wie ein altes Volkslied, wie ein süsser Name. Du sagst es sei mein Name, ich behaupte, der deine ists. „Hör nur! Hör nur!“ rufen wir jedesmal und müssen uns etwas Liebes sagen.

Aus der Ferne hallen die Schläge zu uns gleich singenden Herzen. Wir horchen auf, verstummen, haschen uns süss erzitternd nach den Händen und wissen, wie viel es geschlagen hat.

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Wir stehn vor dem goldenen Buddha im Museum, zur Morgenszeit, und bewundern seinen Bauch. Spitzbube von einem Gott, grossmächtiger, dicker Riesengott! Hinter deiner Corpulenz kann man sich manches erlauben, sogar ein Küsschen oder zwei und sich so lieb haben, ohne dass der Saaldiener es merkt. Das nenne ich eine Vorsehung!

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Auch die antiken Vasen sind hochinteressant. Nein, diese Bilder drauf! Recht frei, meiner Treu. Du erschöpfst dich in Erklärungen. Das gehört zur Bildung. Ich bin ganz Ohr. Was bist du gelehrt. „Sprich! sprich!“ Ich mache Augen.

So also waren die alten Griechen?

Du hältst einen ganzen Vortrag über ihre Denkart und wie das alles kam, über ihre Lebensweise und Natur. Was historisch, ist natürlich, doch diese Verderbtheit! Man sollte nicht glauben. Wo blieb die Sittenpolizei?

Nein, diese alten Griechen!

Doch plötzlich – wie ist uns? Ists, weil die Phantasie uns in allen Fibern arbeitet oder weil wir gar so leicht von Begriff sind? Wir stecken drin im Griechentum, wie in einer Liebesfalle und können uns gar nicht halten vor Glut und allerlei klassischen Gefühlen. Als wären unsere Häupter mit Weinlaub bekränzt und als hätten wir Honigwein getrunken aus goldenen Schalen, so orgienhaft poetisch, so antik süss, so ganz und gar altgriechisch ist uns zu Mut.

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Empfohlene Zitierweise:
Juliane Déry: Selige Liebe. Fischer Verlag, Berlin 1896, Seite 354. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Selige_Liebe_(D%C3%A9ry).djvu/003&oldid=- (Version vom 31.7.2018)