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diese Menschen wie ein Mann, ohne sogenannte Veranlassung, mit einem Wutgeheul aufgesprungen wären und alles – Tische, Fenster, Lampen – in Raserei zertrümmert hätten.

Warum ich nicht selbst so handelte, war mir eigentlich unverständlich; vermutlich unterließ ich es aus Furcht, daß die andern nicht gleichzeitig mitmachen würden, und ich hätte mich dann beschämt wieder niedersetzen müssen.

Dann sah ich wieder die weißen Spitzenbesätze und fühlte, daß die Langeweile noch quälender und drückender geworden war; – – ich hatte das Gefühl, als ob ich eine große graue Kautschuk-Kugel in der Mundhöhle hielte, die immer größer wurde und mir ins Gehirn hinein wuchs. – –

In solchen Momenten der Öde ist einem sonderbarerweise auch der Gedanke an irgend eine Veränderung ein Greuel. – –

Der Junge reihte Dominosteine in ihre Schachtel ein und nahm sie dann in fieberhafter Angst wieder heraus, um sie anders zu legen. – Es war nämlich kein Stein mehr übrig, und doch war die Schachtel nicht ganz voll, wie er gehofft – es fehlte bis zum Rande noch eine ganze Reihe. – – –

Er packte seine Mutter endlich heftig beim Arm, deutete in wilder Verzweiflung auf diese Asymmetrie und brachte nur die Worte heraus: „Mama, Mama!“ – Die Mutter hatte soeben mit einer Nachbarin über Dienstboten und ähnliche ernste Dinge gesprochen, die das Frauenherz bewegen, und blickte nun glanzlos – wie ein Schaukelpferd – auf die Schachtel. –

„Leg’ die Steine quer,“ sagte sie dann.

Im Gesicht des Kindes blitzte ein Hoffnungsstrahl auf, – und von neuem ging es mit lüsterner Langsamkeit an die Arbeit. – –

Wieder verstrich eine Ewigkeit.

Neben mir knisterte ein Zeitungsblatt. – –

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Gustav Meyrink: Orchideen. München o. J., Seite. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Orchideen_Meyrink.djvu/120&oldid=- (Version vom 31.7.2018)