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Vor ihm lag ein fußlanger Bergkristall mit spiegelnden Flächen und scharfen Kanten.

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Der Verstorbene war vor fünf Jahren ein fröhlicher Mensch gewesen, der von Vergnügen zu Vergnügen eilte und mehr auf Reisen als zu Hause war.

Zu dieser Zeit lernte er in dem Kurorte Levico einen indischen Brahminen Mr. Lala Bulbir Singh kennen, der in seinen Anschauungen große Umwälzungen hervorbrachte.

An den Ufern des regungslosen Caldonazzo-Sees hatten sie oft geweilt, und Dohna hatte mit tiefer Verwunderung die Reden des Inders angehört, der, in allen europäischen Wissenszweigen auf das Gründlichste geschult, dennoch über sie in einer Weise sprach, die erkennen ließ, daß er sie nicht viel höher als Kinderspielzeug achtete.

Kam er auf sein Lieblingsthema: die direkte Erkenntnis der Wahrheit, so ging von seinen Worten, die er stets in einem eigentümlichen Rhythmus aneinander reihte, eine überwältigende Kraft aus, und dann schien es, als ob das Herz der Natur still stände und das unruhige Schilf gespannt dieser uralten heiligen Weisheit lausche.

Aber auch viele seltsame Berichte erzählte er Dohna, die wie Märchen klangen: von der Unsterblichkeit im Körper und dem geheimen profunden Wissen der Rajahyogis.

Aus dem Munde dieses ernsten, gelehrten Mannes hörten sie sich um so wunderbarer und kontrastreicher an. Geradezu wie eine Offenbarung aber wirkte der unerschütterliche Glauben, mit dem er von einem bevorstehenden Weltuntergange sprach:

Im Jahre 1904 werde sich nach einer Reihe schrecklicher Erdbeben ein großer Teil Asiens, der ungefähr

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Gustav Meyrink: Orchideen. München o. J., Seite. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Orchideen_Meyrink.djvu/114&oldid=- (Version vom 31.7.2018)