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bemerkte der Professor mit leichtem Vorwurf und hieß den Kranken sich entkleiden.

Eine lange, genaue Untersuchung fand statt, während welcher der Arzt alle Kennzeichen tiefsten Denkens offenbarte und dazu lateinische Worte murmelte.

„Sie sagten doch vorhin, daß Sie Lähmungserscheinungen hätten, ich finde aber keine,“ sagte er plötzlich.

„Nein, ich wollte doch sagen, daß Sie nach drei Monaten verschwunden seien,“ entgegnete Martin Schleiden.

„Sind Sie denn schon so lange krank, mein Herr?“

Martin machte ein verblüfftes Gesicht.

„Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß sich fast alle deutschen Patienten so unklar ausdrücken,“ meinte freundlich lächelnd der Professor; „da sollten Sie einmal einer Untersuchung auf einer französischen Klinik beiwohnen, wie prägnant sich da selbst der einfache Mann ausdrückt. Übrigens hat es nicht viel auf sich mit Ihrer Krankheit. Neurasthenie, weiter nichts.

Es wird Sie wohl gewiß auch interessieren, daß es uns Ärzten – gerade in allerletzter Zeit – gelungen ist, diesen Nervensachen auf den Grund zu kommen. Ja, das ist der Segen der modernen Forschungsmethode, heute ganz genau zu wissen, daß wir füglich gar keine Mittel – Arzneien – anwenden können.

Zielbewußt das Krankheitsbild im Auge behalten! Tag für Tag Sie würden staunen, was wir damit erzielen können. Sie verstehen!

Und dann die Hauptsache: Vermeiden Sie jede Anstrengung, das ist Gift für Sie – und jeden zweiten Tag melden Sie sich bei mir zur Visite. – Also, nochmals: keine Aufregung!“

Der Professor schüttelte dem Kranken die Hand und schien infolge der geistigen Anstrengung sichtlich erschöpft.

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Gustav Meyrink: Orchideen. München o. J., Seite. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Orchideen_Meyrink.djvu/056&oldid=- (Version vom 31.7.2018)