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her warf. Eines Morgens saß ich im Gartenpavillon, als er, anscheinend in heftigem Wortwechsel, mit der Tante draußen vorüber ging. „Ich bin nicht dazu da, euren Aufwand zu bestreiten,“ sagte sie, „es sollte dir wahrhaftig ausreichend sein, daß ich dich in deiner Tochter so bevorzuge.“ – „Wenn ich mich nur darauf verlassen könnte,“ stieß er hervor. „Ich breche mein Versprechen nicht – Gott soll mich vor der Sünde bewahren,“ antwortete sie laut und fest. Sie gingen weiter. Nach geraumer Weile kehrten sie denselben Weg zurück. Die Tante hatte den Arm in den ihres Bruders gelegt. Sie sprachen friedlich, fast zärtlich miteinander. „So werd’ ich einmal ruhig sterben können,“ sagte mein Vater mit weicher Stimme, „bis übers Grab hinaus will ich dir dankbar sein, Klotilde!“

Milder und gefügiger als je war er in den folgenden letzten Tagen seines Augsburger Aufenthalts, er schien kaum zu merken, mit welch satanischer Freude sie die Situation ausnützte. Ich aber suchte ihm mit allen Mitteln der Liebe und Zärtlichkeit das Leben zu erleichtern, so daß er mich oft verwundert ansah und lächelnd sagte: „Ja, was ist denn das mit dir? So was hat dein alter Vater an seinem Töchterlein ja noch gar nicht erlebt?!“ Meinem Onkel ging ich aus dem Wege, die Tante haßte ich fast.

Nach meines Vaters Heimkehr reiste ich mit ihnen nach Tegernsee, wo die Tante auf Wunsch Onkel Arthurs, dem die Einsamkeit von Grainau unsympathisch war, eine Villa gemietet hatte. An meinem Geburtstag, der in die erste Woche unseres Aufenthalts fiel, nahm mich der Onkel beiseite und drückte mir heimlich ein Kuvert

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Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Albert Langen, München 1909, Seite 332. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Memoiren_einer_Sozialistin_-_Lehrjahre_(Braun).djvu/334&oldid=- (Version vom 31.7.2018)