Seite:De Memoiren einer Sozialistin - Lehrjahre (Braun).djvu/261

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

mir zurück; ich hatte immer eine Korona von Kavalieren um mich.

In grausamer Selbstzerfleischung schrieb ich in eines meiner blauen Hefte:

„Irgendein unheimliches, wildes Tier haust in meinem Innern. Es zerreißt die festesten Eisenketten. Es treibt mich seit meiner Kindheit von Leidenschaft zu Leidenschaft. Wie erbärmlich, sich erheben zu wollen über die Mädchen der Straße. Wären wir nicht so gut erzogen, und wohl gehütet, wie viele von uns gingen denselben Weg wie sie!“ Und an anderer Stelle heißt es: „O über das trostreiche Verweisen auf häusliche Pflichten! Als ob ich sie nicht alle erfüllte, ohne die geringste Befriedigung zu spüren! Staub wischen, Hüte garnieren. Deckchen sticken, Strümpfe stopfen, – soll das das Herz beruhigen, den Geist ausfüllen?! Es ist nichts als eine tugendhafte Bemäntelung des Zeittotschlagens. Meine Lebenskräfte schreien nach Betätigung. Ich möchte etwas erleben, das keine Nervenfaser unberührt, kein Äderchen ohne Glut läßt, etwas leisten, das Wunden kostet…“

Einmal – ich saß grade am Bett meines kranken Schwesterchens und baute ihr aus Goldpapier ein „Walhall“ auf, dessen göttliche Bewohner aus Perlen und bunten Knöpfen bestanden – ließ mich Papa zu sich herunter rufen. Herr von Landsberg, der Hoftheater-Intendant, war bei ihm.

„Ich habe eine Bitte an Sie, mein gnädigstes Fräulein,“ wandte er sich an mich. „Wir wollen nach beendeter Trauer den Geburtstag des Großherzogs durch eine Festvorstellung feiern. Uns fehlt ein einleitender Prolog. Dürfen wir dafür auf Ihre Mitarbeit rechnen?“

Empfohlene Zitierweise:
Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin. Albert Langen, München 1909, Seite 259. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Memoiren_einer_Sozialistin_-_Lehrjahre_(Braun).djvu/261&oldid=- (Version vom 31.7.2018)