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Angst. Sie stammelte: „Blut – Blut“, sie schlug entsetzt die Hände vors Gesicht, als ob sie mit geschlossenen Augen Gräßliches sähe; sie ging auf Fußspitzen mit hochgehobenem Rock durch das Zimmer, „das Blut steigt – steigt“ stöhnte sie.

Ich würde ihren Aussagen nicht mehr Bedeutung beilegen, als den Wahnsinnsausbrüchen einer Kranken, nicht, weil ich nur glaube, was sich beweisen läßt, – wir haben nachgerade eingesehen, daß Holbachs System de la nature mehr das Produkt menschlicher Überhebung, als menschlicher Weisheit ist! –, wenn nicht überall Phänomene auftauchten, wie dieses. Mein alter Reitknecht hat in einem Wirtshaus der Vorstadt St. Antoine Ähnliches erlebt; eine kleine Tänzerin von Wauxhall hat neulich mitten in der Probe, von Schlaf überfallen, gräßliche Visionen gehabt. Es gibt viele Leute in allen Kreisen der Bevölkerung, die von der „großen Furcht“ wie von einer Krankheit befallen sind.

Vielleicht wären wir beide, meine einzige Geliebte, weniger leicht der Ansteckung ausgesetzt, wenn unsere verfolgte Liebe nicht selbst voll Furcht wäre. Wie soll es enden?!

Da der Marquis Sonntag nach Saint-Cloud fahren will, werden wir endlich Gelegenheit haben, uns allein zu sehen. Sei um Mitternacht im Garten Deines Hotels unter der großen Linde. Ich weiß einen Eingang, der mich vor allen Blicken

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Lily Braun: Die Liebesbriefe der Marquise. München 1912, Seite 399. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Die_Liebesbriefe_der_Marquise_(Braun).djvu/405&oldid=- (Version vom 31.7.2018)