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Liste.png Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses.

fuhren zusammen bis Genua, dann ging ich zu meiner Mutter nach Baden-Baden, während er in Konstantinopel seine Tätigkeit fortsetzte.“

„Darf ich fragen, wie sich inzwischen das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrer Mutter und zwischen ihm und Ihrer Mutter gestaltet hatte?“

„Zwischen meiner Mutter und mir bestanden während dieser Jahre die herzlichsten Beziehungen. Wir schrieben uns häufig. Sie sorgte sich um mich, schickte Geld und Geschenke. Auch zu Olga, die mir in den letzten Tagen vor der Abreise nach Amerika ihren Groll deutlich genug gezeigt hatte, kam ich allmählich wieder in ein gutes Verhältnis; sie nahm sogar bei dem Kinde die Patenschaft an. Ich wurde, als ich im Juni 1906 nach Baden kam, aufs beste aufgenommen. Zwischen meinem Mann und meiner Familie bestand während dieser fünf Jahre kein Verkehr.“

„Das wurde anders im Laufe des Sommers?“

„Als die Operation in München so gut verlaufen war, schrieb mir mein Mann von Konstantinopel, er werde sich auf einige Wochen freimachen und nach München kommen. Dort wollten wir zusammen die Richard-Wagner-Festspiele im Prinzregententheater besuchen, Karten hatte er sich schon durch Cook besorgen lassen. Ich freute mich sehr, hatte auch des kein Arg, daß sich Olga gerade zu Besuch bei meiner in München wohnenden Schwester Luise aufhielt. Im Gegenteil, ich plante, ein Zusammentreffen zwischen den beiden herbeizuführen. Mein Mann wollte erst davon nichts wissen, aber ich drängte und drängte, bis er schließlich nachgab. Natürlich beobachtete ich die beiden scharf, allein ich konnte zu meiner Genugtuung feststellen, daß da nichts zu bemerken war als Verlegenheit und eine kaum verhüllte Abneigung. Wir machten Ausflüge zusammen nach Tegernsee, Innsbruck, Kufstein und so weiter. Dann begleitete mich mein Mann, nachdem Mutter mir geschrieben hatte, sie wolle ihn sehen, nach Baden-Baden, wir wohnten aber nicht in der Villa, sondern im Hotel Meßmer –

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Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses.. Ullstein, Berlin 1925, Seite 90. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Das_Todesurteil_(Hau).djvu/91&oldid=- (Version vom 31.7.2018)