Seite:De Das Todesurteil (Hau).djvu/90

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses.

anderes übrig als diese Heirat. Meine Mutter war zur Einwilligung bereit. Aber der Vater meines Mannes wollte nicht. Die Verhandlungen zogen sich wochenlang hin ohne Ergebnis. Da schrieb ich meinem Mann, ich würde, wenn die Heirat nicht zustande käme, einen zweiten Selbstmordversuch machen und diesmal jeder Möglichkeit des Mißlingens vorbeugen; die erforderlichen Maßnahmen hätte ich bereits getroffen; ich bäte aber, noch einen letzten Versuch zu machen, seinen Vater umzustimmen. Darauf gab er mir zur Antwort, ein Überredungsversuch seinerseits sei ganz zwecklos, aber er rate mir, an seinen Vater einen Brief zu schreiben und ihm darin die Eröffnung zu machen, der Schuß sei nicht von mir, sondern von seinem Sohn abgegeben worden, ich hätte nur den schweizerischen Behörden gegenüber die Selbstmordversion aufgestellt, um seinen Sohn vor gerichtlicher Verfolgung zu schützen. Ich schrieb den Brief, und daraufhin gab der alte Herr seinen Widerstand auf. Wir durften heiraten. In aller Stille fand die Trauung statt, und dann wurden wir nach Amerika abgeschoben.“

„Eine unter sonderbaren Auspizien begonnene Ehe“, bemerkte Dr. Dietz. „Kein Wunder, daß der Vater meines Klienten widerstrebte. Ihr Mann war doch erst zwanzig Jahre alt.“

„Ja, das war er. Aber trotz des Altersunterschieds wurde es eine sehr harmonische Ehe. In den ersten Jahren mußten wir uns sehr einschränken, dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, lebten wir glücklich und zufrieden; wir schlossen uns, so mutterseelenallein in dem fremden Land, aufs innigste aneinander an. Mein Mann kam rasch vorwärts, eine glänzende Laufbahn schien ihm sicher. Nach der Geburt des Kindes fing ich an zu kränkeln, langwierige Unterleibsgeschichten, ich konnte ihm als Frau nichts mehr sein. Das hatte eine gewisse Entfremdung zur Folge, aber wir behielten uns doch lieb, und ich hoffte, durch eine Operation meine Gesundheit wiederzuerlangen. Um diese Operation vornehmen zu lassen, begleitete ich meinen Mann im Sommer 1906 nach Europa. Wir

Empfohlene Zitierweise:
Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses.. Ullstein, Berlin 1925, Seite 89. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Das_Todesurteil_(Hau).djvu/90&oldid=- (Version vom 31.7.2018)