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Liste.png Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses.

Vierziger, dessen Haar schon leicht ergraut war. Seitwärts ein junger Gerichtsschreiber, der sich krampfhaft bemühte, seine Erregung und Neugierde nicht zu verraten. Ich wurde aufgefordert, Platz zu nehmen, die Personalien wurden festgestellt, und dann ging der Tanz los.

Nach kurzer Zeit war es mir klar, daß der Untersuchungsrichter meine Schuld für eine ausgemachte Sache hielt. Er ging nicht vor wie jemand, der in eine dunkle Sache Licht hineinzubringen sucht, sondern er wollte ein Geständnis haben, und als er merkte, daß ein solches nicht zu erreichen war, sah er seine ganze Aufgabe darin, Belastungsmaterial gegen mich zusammenzubringen. Wenn meine Antworten ihm nicht paßten, wurde sein Ton gereizt. Die unter der offiziellen Maske schlecht versteckte Animosität brach durch, er ließ sich hinreißen zu beleidigenden Ausfällen.

Das brachte mich natürlich in Harnisch. Den Grund seines Verhaltens habe ich erst viel später erfahren. Mein Verteidiger und er waren Duzfreunde aus der Pennälerzeit her. Als nun Dr. Dietz von London zurückgekehrt war, hatte ihn der Untersuchungsrichter am Biertisch gefragt – als Privatmann den Privatmann –, was er von dem Angeklagten für einen Eindruck bekommen habe. Na, so gut wie gestanden hat er. Schön, das ist ja angenehm zu hören, dann wird er mir wohl auch ein Geständnis ablegen. Mir gegenüber erwähnte der Untersuchungsrichter von dieser Unterhaltung am Biertisch kein Wort, wohl aber seinen Kollegen gegenüber, so daß es bald in den Karlsruher Juristenkreisen hieß, der Angeklagte habe seinem Verteidiger in London ein Geständnis abgelegt. Man scheint sich sogar mit dem Gedanken getragen zu haben, den Untersuchungsrichter in der Hauptverhandlung als Zeugen zu vernehmen über dieses Biertischgespräch, aber davon sah man dann doch ab; ich weiß nicht, ob deshalb, weil Dr. Dietz über den Mißbrauch des Vertrauens Zeter schrie und mit Repressalien drohte, oder ob man zu der Einsicht kam, daß aus dem tatsächlichen Inhalt der Londoner Unterredung kein Kapital zu schlagen war. Dann natürlich erklärte Dr. Dietz: Der Angeklagte

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Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses.. Ullstein, Berlin 1925, Seite 53. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Das_Todesurteil_(Hau).djvu/54&oldid=- (Version vom 31.7.2018)