Seite:De Das Todesurteil (Hau).djvu/135

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Liste.png Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses.

Die Rede des Verteidigers war kurz und bündig, frei von rhetorischen Floskeln; er suchte die Unzulänglichkeit der Indizien darzutun und verlangte Freisprechung. Auf solche Beweise hin könne man einem Menschen nicht den Kopf abschlagen.

Ei was, replizierte darauf der Staatsanwalt, wer wird denn gleich von Kopfabschlagen reden. So weit sind wir ja noch lange nicht. Auch wenn der Angeklagte zum Tode verurteilt werde, so bedeute das keineswegs, daß die Guillotine in Tätigkeit treten müsse. Es gebe ja auch lebenslängliches Zuchthaus. Also möchten sich die Herren Geschworenen diesbezüglich keine grauen Haare wachsen lassen und ruhig verurteilen.

Der Vorsitzende stellte mir frei, selber das Wort zu ergreifen. Ich sah mir noch einmal meine Richter an, überlegte ein Weilchen, und verzichtete.

Gegen den Einspruch des Verteidigers beschloß der Gerichtshof eine Zweiteilung der Frage. Das Reichsgericht hat diese Zweiteilung für berechtigt erklärt, obwohl namhafte Autoritäten sich dagegen erklärt haben. Es hieß also zunächst: „Ist der Angeklagte schuldig, am 6. November 1906 seine Schwiegermutter vorsätzlich getötet zu haben?“ Und dann: „Ist die Tat mit Überlegung ausgeführt worden?“

Die Beratung der Geschworenen dauerte nur ungefähr eine halbe Stunde. Dann kamen sie zurück, der Obmann – Schlächtermeister – verkündigte das Verdikt. Sie hatten beide Fragen bejaht.

Darauf sprach der Vorsitzende das Todesurteil aus. Ich nahm dasselbe mit Gelassenheit entgegen und wurde ins Gefängnis zurückgeführt.

Unten im Gange standen der erste Aufseher, seine Frau und seine Tochter und sahen mir mit Spannung entgegen. „Freigesprochen?“ „Nein, zum Tode verurteilt.“ Sie wollten es nicht glauben.

In der Zelle angelangt, legte ich mich ins Bett und versuchte einzuschlafen. Es ging natürlich nicht. Ich überdachte meine Lage und hatte die felsenfeste Überzeugung, daß dieses Fehlurteil keine

Empfohlene Zitierweise:
Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses.. Ullstein, Berlin 1925, Seite 134. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Das_Todesurteil_(Hau).djvu/135&oldid=- (Version vom 31.7.2018)