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Liste.png Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses.

setzen. Heute nun höre ich, daß dieser Versuch gescheitert ist. Jetzt ist er unentschlossen und weiß nicht, was er tun soll. Ich stelle dem Gerichtshof anheim, den Referendar L. als Zeugen zu laden und zur Aussage zu nötigen.“

Daß der Gerichtshof hierauf mit sonderlichem Eifer einging, kann man nicht behaupten. Der Staatsanwalt beeilte sich einzuwerfen, der Referendar L. sei schon vor einiger Zeit von ihm über die in der Zelle bei mir gemachten Wahrnehmungen verhört worden – mit völlig negativem Ergebnis. Gleichwohl war doch die Sache zu wichtig, als daß der Vorsitzende sich getraut hätte, sie einfach unter den Tisch fallen zu lassen, und so wurde denn die Ladung des Zeugen beschlossen. Sehr zufrieden mit dieser Wendung war der Verteidiger; jetzt müsse ich doch wohl endlich begreifen, daß der Augenblick zum Reden gekommen sei.

Gegen Abend erschien der Referendar, wurde vereidigt und berichtete über unser Zusammensein in der Gefängniszelle. Aber als er nun in sehr ungnädigem Ton aufgefordert wurde, seine vermeintliche Wissenschaft vorzubringen, verweigerte er über diesen Punkt das Zeugnis. Darauf wurde der Vorsitzende noch viel ungnädiger und rief ihm zu: „Spielen Sie uns hier keine Komödie vor. Entweder sagen Sie, was Sie wissen, oder das Zeugniszwangsverfahren wird gegen Sie eröffnet. Ich bin nicht gesonnen, mich von Ihnen an der Nase herumführen zu lassen.“

Der Zeuge schwieg. Der Vorsitzende zu mir: „Angeklagter, machen Sie der absurden Szene ein Ende und reden Sie. Was ist das für ein Geheimnis, das der Zeuge nicht verraten will? Etwas Wichtiges muß es doch sein, wenn er lieber ins Gefängnis gehen will, als Ihr Vertrauen mißbrauchen.“ Der spöttische Ton ließ keinen Zweifel darüber, daß er das Ganze für ein abgekartetes Spiel hielt.

„Je nun,“ erwiderte ich, „der Anlaß ist zwar so unpassend

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Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses.. Ullstein, Berlin 1925, Seite 127. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Das_Todesurteil_(Hau).djvu/128&oldid=- (Version vom 31.7.2018)