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Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses.

Berührung zu kommen. Er habe natürlich, wie jeder Mensch in Karlsruhe, viel gelesen über meinen Fall und auf diese Weise von mir einen falschen Begriff bekommen.

Die Stunden verstrichen, wir standen noch immer am Fenster und plauderten. Da wir einer dem anderen sympathisch waren und das Unglück die Menschen rasch einander nahebringt, bewegte sich die Unterhaltung nicht lange an der Oberfläche. Er erzählte mir aus seinem Leben. Sein Beruf befriedigte ihn nicht, so hatte er sich einen längeren Urlaub genommen und wollte sehen, ob Neigung und Talent zur Malerei groß genug seien, eine Zukunft darauf zu gründen. Seine Verhältnisse waren so, daß er sich der Kunst sorgenfrei widmen konnte. Große innere Erlebnisse schien er noch nicht gehabt zu haben.

Über das, was zu seiner Verhaftung geführt hatte, äußerte er sich mit begreiflicher Zurückhaltung. Er sei im Stadtgarten spazieren gegangen, und da habe ein junges Mädchen sich beim Schutzmann darüber beschwert, daß er durch Entblößung ihr Ärgernis gegeben habe. Es sei aber, wie sich jetzt herausstelle, eine Frauensperson von üblem Rufe, so daß er wohl auf einen Freispruch rechnen dürfe. Dessenungeachtet war natürlich der Vorfall für ihn höchst peinlich. Nicht so sehr wegen der äußeren Folgen als deswegen, weil ihm bei dieser Gelegenheit zum erstenmal etwas zum Bewußtsein kam, was bisher in den Tiefen der Seele verborgen gewesen war. Die Entdeckung erschreckte ihn, er empfand so etwas wie Abscheu vor sich selber.

Ich beschränkte mich auf teilnahmsvolles Zuhören und einige vorsichtige, schonende Worte über den heiklen Gegenstand. Dafür war er mir dankbar. Als wir zur Ruhe gingen, standen wir uns schon nicht mehr als Fremde gegenüber.

Im Laufe der nächsten Tage wuchs die Intimität. Wie konnte es anders sein, waren wir doch von morgens bis abends aufeinander angewiesen; mit dem Missionar war kein ernstes Gespräch zu führen.

So waren wir in kurzem, ich kann fast sagen, Freunde geworden. Unsere Unterhaltung erstreckte sich auf alles mögliche, nur ein einziges

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Carl Hau: Das Todesurteil. Die Geschichte meines Prozesses.. Ullstein, Berlin 1925, Seite 102. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:De_Das_Todesurteil_(Hau).djvu/103&oldid=- (Version vom 31.7.2018)