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Liebe zur Arbeit.“ Und kaum im Stande, sich aufrecht zu halten, verkaufen die Elenden 12–14 Stunden Arbeit um die Hälfte billiger als zur Zeit, wo sie noch Brod im Korbe hatten. Und die Herren industriellen Philanthropen benutzen die Arbeitslosigkeit, um noch billiger zu produziren.

Wenn die industriellen Krisen auf die Perioden der Ueberarbeit mit derselben Nothwendigkeit folgen, wie die Nacht dem Tage, und Zwangsstockungen bei grenzenlosem Elend nach sich ziehen, so bringen sie auch den unerbittlichen Bankrott mit sich. Solange der Fabrikant Kredit hat, läßt er der Arbeitswuth die Zügel schießen, er pumpt und pumpt, um den Arbeitern den Rohstoff zu liefern. Er läßt darauf los produziren, ohne zu bedenken, daß der Markt überfüllt wird und daß, wenn er seine Waaren nicht verkauft, er auch seine Wechsel nicht einlösen kann. Sitzt er endlich in der Patsche, so läuft er zum Geldjuden, fleht ihn an, wirft sich ihm zu Füßen, stellt ihm sein Blut, seine Ehre zur Verfügung. „Ein klein wenig Gold würde mir lieber sein“, antwortet ihm der Rothschild, „Sie haben 20,000 Paar Strümpfe auf Lager, zum Preise von 80 Pfg. das Paar; ich werde sie à 20 Pfennige in Zahlung nehmen.“ Ist der Handel gemacht, so verkauft der Biedermann zu 40 bis zu 50 Pfg. das Paar und steckt klingende Thaler, für die er keinem etwas schuldet, in die Tasche; der Fabrikant aber hat seinen Aufschub nur erlangt, um desto gründlicher zu verkrachen. Endlich tritt der allgemeine Zusammensturz ein, just in dem Moment, wo die Magazine bis an den Rand vollgepfropft sind; da werden dann soviel Waaren aus dem Fenster herausgeworfen, daß man gar nicht begreifen kann, wie sie zur Thür hereingekommen sind. Nach Hunderten von Millionen beziffert sich der Werth der zerstörten Waaren; im vorigen Jahrhundert verbrannte man sie oder warf sie in’s Wasser.[1]

Bevor sie sich aber zu dieser Maßregel entschließen, durchlaufen die Fabrikanten die Welt auf der Suche nach Absatzmärkten für die Waaren, die sie angehäuft; sie schreien nach Handelskolonien am Congo, sie verlangen die Eroberung Tonkins, sie zwingen ihre Regierung, die Mauern China’s zu zertrümmern, nur damit sie ihre Baumwollenartikel absetzen können. In den letzten Jahrhunderten kämpften England und Frankreich ein Duell auf Leben und Tod, wer von beiden das ausschließliche Privileg haben werde, in Amerika und Indien zu verkaufen. Tausende junger kräftiger Männer haben in den Kolonialkriegen des 16., 17. und 18. Jahrhunderts mit ihrem Blut das Meer färben müssen.

Wie an Waaren, so herrscht auch Ueberfluß an Kapitalien – natürlich nicht für diejenigen, die sie brauchen. Die Finanzleute wissen nicht mehr, wo dieselben unterbringen, und so machen sie sich denn auf, bei jenen glücklichen Völkern, die noch Zigarretten rauchend in der Sonne liegen, Eisenbahnen zu legen, Fabriken zu bauen, den Fluch der Arbeit einzuführen. Und dieser Kapitalexport endet eines schönen Tages mit diplomatischen Verwicklungen: in Egypten wären sich England und

  1. Auf dem am 21. Februar 1878 in Berlin stattgehabten Kongreß deutscher Industrieller schätzte man den Verlust, den allein die Eisenindustrie Deutschlands während der letzten Krisis erlitten, auf 455 Mill. Mark.
Empfohlene Zitierweise:
Paul Lafargue (übersetzt von Eduard Bernstein): Das Recht auf Faulheit. Schweizerische Genossenschaftsbuchdruckerei, Hottingen-Zürich 1884, Seite 15. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_recht_auf_faulheit-lafargue-1884.pdf/15&oldid=- (Version vom 11.6.2017)