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Lopshorn.
Lied des Jägers.

Um Deine Stirne fliegt die Locke,
Das Auge blitzt, die Wange flammt,
Und huld’gend wirft die Blüthenflocke
Der Baum auf Deines Kleides Sammt.

5
Willst Du nicht bei den Blumen weilen?

Lockt Dich kein Platz auf duft’ger Au’?
Warum dies athemlose Eilen? – –
Ich weiß es wohl, du schöne Frau!

Wir sind zu drei’n. Du und Dein Gatte

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Und ich, Dein treuer Jägersmann.

Als er noch nie gesehn Dich hatte,
Ich weiß wohl, wer Dein Herz gewann!
Wir standen noch in Kinderschuhen –
Es war ein Tag wie heut’ im Mai –

15
Willst Du nicht eine Weile ruhen

Am Tannenbaum? – Vorbei, vorbei!

Die Tanne hat die grünen Loden
Bis nieder auf den Grund gesenkt
Und baut vom Stamm bis auf den Boden

20
Ein Zelt, von würz’gem Duft getränkt.

Da hat ein Pärchen einst gesessen,
Das hat geträumt gar süßen Traum
Und hat die ganze Welt vergessen! – –
Noch immer grünt der Tannenbaum! –

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Du gingst; ich bin im Schloß geblieben

Und lange, lange warst Du fern!
Vergangen ist das alte Lieben!
Gesunken ist der Jugend Stern!
Längst hab’ ich in den Wind geblasen

20
Auf meinem Jägerhorn mein Leid! –

Warum willst Du vorüberrasen
So schnell an Zeugen alter Zeit? –

Der alte Herr an Deiner Seiten
Prüft sorgsam rechts und links die Bahn,

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Er liebt’s nicht so geschwind zu reiten! –

Zieh’ Deines Senners Zügel an!
Mit kaltem Blut den Kindertagen
In das erloschne Auge schau’
Und lern’ ertragen und entsagen! –

30
Gott schütze Dich, du schöne Frau!


 Emil Rittershaus.

Empfohlene Zitierweise:
: Das Hermanns-Denkmal und der Teutoburger Wald. Meyer, Detmold 1875, Seite 26. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Das_Hermanns-Denkmal_und_der_Teutoburger_Wald.pdf/26&oldid=- (Version vom 31.7.2018)