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Und wie kann man verkennen, daß diese Kirche dicht neben einer laxen Moral, deren sie sich oft genug schuldig gemacht hat, durch ihre großen mittelalterlichen Theologen das Evangelium fruchtbar auf viele Verhältnisse des Lebens angewendet und eine christliche Ethik geschaffen hat? Hier und anderswo hat sie bewährt, daß sie evangelische Gedanken nicht nur so mit sich führt, wie ein Fluß Goldkörner, sondern daß sie mit ihr verbunden sind und sich in ihr weitet entwickelt haben. Der unfehlbare Papst, der „apostolisch-römische Polytheismus“ der Heiligenverehrung, blinder Gehorsam und stumpfe Devotion – sie scheinen alle Innerlichkeit erstickt zu haben, und doch sind auch in dieser Kirche Christen zu finden, wie sie das Evangelium erweckt, ernst und liebevoll, erfüllt von Freude und Frieden in Gott. Endlich, nicht das ist der Schade, daß sich das Evangelium überhaupt mit politischen Formen verbunden hat – Melanchthon war kein Verräther, als er den Papst anerkennen wollte, wenn dieser die reine Verkündigung des Evangeliums zuließe –, sondern er liegt in der Sanktifikation des Politischen und in der Unfähigkeit dieser Kirche, das abzustreifen, was einst unter besonderen geschichtlichen Verhältnissen zweckmäßig war, nun aber zum Hemmnis geworden ist.


Wir kommen zum letzten Abschnitt unserer Darstellung:

Die christliche Religion im Protestantismus.

Wer auf die äußere Lage des Protestantismus, namentlich in Deutschland sieht, der mag beim ersten Anblick wohl ausrufen: Ach wie kümmerlich! Wer aber die Geschichte Europas überschaut vom 2. Jahrhundert bis zur Gegenwart, der wird urteilen müssen, daß in dieser ganzen Geschichte die Reformation des 16. Jahrhunderts die größte und segensreichste Bewegung gewesen ist; selbst der Umschwung beim Übergang zum 19. Jahrhundert tritt hinter sie zurück. Was wollen alle unsre Entdeckungen und Erfindungen und unsre Fortschritte in der äußeren Kultur gegenüber der Thatsache besagen, daß heute dreißig Millionen Deutsche und noch viel mehr Millionen von Christen außerhalb Deutschlands eine Religion haben ohne Priester, ohne Opfer, ohne Gnadenstücke und Zeremonien – eine geistige Religion!

Der Protestantismus muß in erster Linie aus seinem Gegen-

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Adolf von Harnack: Das Wesen des Christentums. J. C. Hinrichs, Leipzig 1900, Seite 167. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/171&oldid=- (Version vom 30.6.2018)