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tischen Ausgestaltungen zum Ausdruck kommt, wird als die Sache selbst behandelt. Dieses also ist das erste Moment in der Wandlung der Dinge: der ursprüngliche Enthusiasmus, im großen Sinn des Worts, strömt aus, und alsbald entsteht die Religion des Gesetzes und der Formen.

2. Aber es strömte im Laufe des 2. Jahrhunderts nicht nur ein ursprüngliches Element aus; es strömte auch ein anderes ein. Wenn diese jugendliche Religion das Band nicht zerschnitten hätte, das sie mit dem Judentum verband, auch dann hätte sie, da sie sich dauernd auf dem Boden der griechisch-römischen Welt niederließ, affiziert werden müssen von dem Geist und der Kultur derselben. In wieviel höherem Grade aber stand sie diesem Geiste offen, nachdem sie sich mit scharfem Schnitt von der jüdischen Religion und dem jüdischen Volke getrennt hatte! Körperlos wie ein luftiges Wesen schwebte sie über der Erde, körperlos und einen Körper suchend. Der Geist baut sich den Leib, gewiß – aber er baut ihn, indem er sich das assimiliert, was um ihn ist. Das Einströmen des Griechentums, des griechischen Geistes, und die Verbindung des Evangeliums mit ihm ist die größte Thatsache in der Kirchengeschichte des zweiten Jahrhunderts, und sie setzte sich, grundlegend vollzogen, in den folgenden Jahrhunderten fort. Man kann drei Stufen unterscheiden, in denen das Griechische auf die christliche Religion eingewirkt hat, und dazu eine Vorstufe. Die Vorstufe haben wir in einer früheren Vorlesung bereits erwähnt. Sie liegt in den Ursprüngen des Evangeliums und ist geradezu eine Bedingung seiner Entstehung gewesen. Erst unter den ganz neuen Verhältnissen, die Alexander der Große geschaffen hatte, erst nachdem die Zäune niedergerissen waren, welche die Völker des Orients voneinander und von dem Griechentum trennten, erst damals konnte sich das Judentum entschränken und der Entwicklung zur Weltreligion zustreben. Die Zeit war erfüllt, als man auch im Orient griechische Luft atmen konnte und der geistige Horizont sich über das eigene Volk hinaus ausdehnte. Doch kann man nicht sagen, daß in den ältesten christlichen Schriften, geschweige im Evangelium, ein griechisches Element in irgend erheblichem Maße zu finden ist. Will man es suchen, so muß man es – von einigen bei Paulus, Lukas[AU 1] und Johannes hervortretenden Spuren abgesehen – in der Möglichkeit der Erscheinung der neuen Religion selbst suchen. Darauf ist hier nicht weiter einzugehen. Die erste

Anmerkung des Autors (1908)

  1. Bei Lukas sind es nicht nur Spuren des griechischen Elements; er ist ein Grieche, und den griechischen Geist hat er auch in seinen Schriften zum Ausdruck gebracht; aber er hat mit großer Gewissenhaftigkeit versucht, seinen Lesern den Geist des frommen Judentums nahezubringen und auch den evangelischen Sprüchen ihre ursprüngliche Farbe zu erhalten.
Empfohlene Zitierweise:
Adolf von Harnack: Das Wesen des Christentums. J. C. Hinrichs, Leipzig 1900, Seite 125. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/129&oldid=- (Version vom 30.6.2018)