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Kreuzestode wirklich geschaut zu haben, unter diesen Gesichtspunkt stellen – lehren, daß auch das Innerlichste, die Religion, nicht frei und isoliert aufstrebt, daß sie sozusagen in Rinden wächst und ihrer bedarf. Für das apostolische Zeitalter aber ist die Einsicht von Wichtigkeit, daß nicht nur trotz dem Enthusiasmus, sondern auch trotz der gespannten eschatologischen Hoffnung die Aufgabe nicht vernachlässigt wurde, das irdische Leben zu heiligen.


Die drei Elemente, welche wir als die wichtigsten zur Charakteristik der ältesten Christen hervorgehoben haben, konnten zur Not auch im Rahmen des Judentums und in Verbindung mit der Synagoge durchgeführt werden. Man konnte auch dort Jesus als den Herrn anerkennen, das neue Erlebnis mit der väterlichen Religion verbinden und den Bruderbund als einen jüdischen Konventikel ausbilden. In der That haben die ersten Gemeinden in Palästina in diesen Formen gelebt. Aber jene neuen Elemente wiesen, kräftig entfaltet, doch über das Judentum hinaus: Jesus Christus der Herr – nicht nur Israel’s; er ist der Herr der Geschichte, das Haupt der Menschheit. Das neue Erlebnis der unmittelbaren Verbindung mit Gott – es macht den alten Kultus mit seinen Vermittelungen und Priestern unnötig. Der Bruderbund – er überragt alle anderen Verbindungen und entwertet sie. Die innere Entwicklung, die virtuell in dem neuen Ansatz beschlossen lag, begann sofort. Nicht erst Paulus hat sie begründet; schon vor und neben ihm haben uns unbekannte, namenlose Christen hin und her in der Diaspora Heiden in den neuen Verband aufgenommen und die partikularen und statutarischen Bestimmungen des Gesetzes durch die Erklärung beseitigt, man müsse sie rein geistig verstehen und als Symbole deuten. In einem Zweige des Judentums außerhalb Palästina’s war diese Erklärung längst – freilich aus anderen Gründen – geübt worden, und es war dort eine Entschränkung der jüdischen Religion durch das Mittel philosophischer Deutungen im Werke, die sie der Höhe einer geistigen Weltreligion zuführte. Diese Entwicklung konnte wie eine Vorstufe des Christentums erscheinen und war in mancher Hinsicht wirklich eine solche. Jene Christen gingen auf sie ein. Auf diesem Wege konnte allmählich eine Befreiung von dem historischen Judentum und seinen überlebten Religionsgesetzen erreicht werden. Aber sicher war dieses Endergebnis nicht. Solange es unausgesprochen blieb, die frü-

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Adolf von Harnack: Das Wesen des Christentums. J. C. Hinrichs, Leipzig 1900, Seite 109. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/113&oldid=- (Version vom 30.6.2018)