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Dritte Vorlesung.




Wir haben in der vorigen Vorlesung von unseren Evangelien gesprochen und von ihrem Schweigen über die Entwicklung Jesu. Wir haben daran eine kurze Charakteristik der Predigtweise Jesu angeschlossen. Wir sahen, er hat wie ein Prophet gesprochen, und doch nicht wie ein Prophet. Friede, Freudigkeit und Gewißheit atmen seine Worte. Er drängt auf Kampf und Entscheidung – „Wo dein Schatz ist, da ist dein Herz“[WS 1] –, und doch erscheint alles in dem ruhigen Gleichmaß der Gleichnisse: unter der Sonne Gottes und dem Tau des Himmels soll alles wachsen und werden bis zur Ernte. Er lebte in dem steten Bewußtsein der Gottesnähe. Seine Speise war, den Willen Gottes zu thun. Aber – und das schien uns das Größte und das Siegel seiner inneren Freiheit – er hat nicht wie ein heroischer Büßer gesprochen oder wie ein Asket, der die Welt von sich gestoßen hat. Sein Auge ruhte freundlich auf allem Erscheinenden, und er sah es, wie es sich giebt, in seinen bunten und wechselnden Farben. Er adelte es in seinen Parabeln; er schaute hindurch durch den Schleier des Irdischen und erkannte überall die Hand des lebendigen Gottes.


Als er auftrat, war ein anderer vor ihm bereits am Werke im jüdischen Volke: Johannes der Täufer. An den Ufern des Jordan war in wenigen Monaten eine große Bewegung entstanden. Sie war ganz verschieden von jenen messianischen Bewegungen, die bereits seit mehreren Generationen stoßweise das Volk in Atem gehalten hatten. Zwar auch dieser Täufer verkündigte: „Das Reich Gottes ist nahe“[WS 2], und das hieß nichts anderes als der Tag des

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Mt 6,21.
  2. Mt 3,2.
Empfohlene Zitierweise:
Adolf von Harnack: Das Wesen des Christentums. J. C. Hinrichs, Leipzig 1900, Seite 025. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:DasWesenDesChristentums.djvu/029&oldid=- (Version vom 30.6.2018)